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WOYZECK & MARIE
frei nach Georg Büchners WOYZECK
Regie: Mario Holetzeck Rolle: Woyzeck



PREMIERE am 17. Juni 2011
nächtste Vorstellungen:
01.10.2011, Samstag, 19:30 Uhr
05.11.2011, Samstag, 19:30 Uhr
13.12.2011, Dienstag, 19:30 Uhr
29.02.2012, Mittwoch, 19:30 Uhr

Inhalt: mehr » « weniger
Woyzeck und Marie träumen vom großen Glück. Doch die Zirkuswelt, in die es die Liebenden verschlagen hat, liebt keine Träumer. Ein bösartiger Zirkusdirektor, ein dämonischer Zauberer und ein brutaler Dompteur stürzen Woyzeck in die Verzweiflung. Marie aber verfällt dem Zauber der Scheinwelt. Als sie zur Attraktion des Zirkus wird, steht sie vor der schwierigsten Entscheidung ihres Lebens. Woyzeck muss um seine große Liebe kämpfen. Wie weit wird er dafür gehen? Welchen Preis hat das Glück? Wer darf leben? Wer muss sterben? Lässt sich der Traum der Liebenden nach Heimat und Geborgenheit überhaupt erfüllen? Mord, Musik und Melodram, die Cottbuser Fassung des berühmten büchnerschen Fragments erzählt diese zeitlose Geschichte für Sie auf einzigartige Weise neu. [Quelle: www.staatstheater-cottbus.de]


Besetzung
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REGIE: Mario Holetzeck
AUSSTATTUNG: Lothar Scharsich
DRAMATURGIE: Prof. Dr. Ulrich Bitz
REGIEASSISTENZ: Anniki Nugis

WOYZECK (Clown): Oliver Seidel
MARIE (Ballerina): Ariadne Pabst
CHRISTIAN, Woyzecks Sohn: Julian Böhm
HAUPTMANN (Zirkusdirektor): Bernd Stichler
DOKTOR (Zauberer): Gunnar Golkowski
TAMBOURMAJOR (Dompteur): Michael Becker
MARGRETH (Stärkste Frau der Welt): Johanna Emil Fülle
Musiker 1: Dietrich Petzold
Musiker 2: Frank Petzold


Fotogalerie


Lausitzer Rundschau-INTERVIEW mit Regisseur und Dramaturg
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17. Juni 2011
„Es geht um das Glück“

COTTBUS Die große Bühne ist zum Zirkus verwandelt. Eine schrille, bunte, eigensinnige Welt von Clowns und Helden, Stars und Sadisten, Tänzern und Tunten. Der „Woyzeck“ Georg Büchners ist eines der gewaltigsten und traurigsten Dramen der deutschen Literatur. Es braucht gute Gründe, daraus buntes (Sommer)Theater zu machen. Regisseur Mario Holetzeck vom Cottbuser Staatstheater hatte die.

Fellini-Zirkus für Verzweifelte: Das „Woyzeck“-Ensemble aus der Sicht von Mario Holetzeck (l.) und Prof. Ulrich Bitz. Foto: Marlies Kross
Foto: Marlies Kross


Woyzeck ist ein einfacher Soldat, der, um Frau und Kind zu ernähren, als Laufbursche für seinen Hauptmann arbeitet und sich zu medizinischen Versuchen benutzen lässt. Woyzeck als geschundene Kreatur, die schließlich wahnsinnig und zum Mörder wird – bei Büchner ist er Fragment geblieben. Umso leidenschaftlicher machen sich Maler, Musiker und Regisseure die Geschichte seit 100 Jahren zu eigen. Klaus Kinski hat Woyzeck gespielt, und niemals schien er klarer zu sein. Für Cottbus inszeniert nun Mario Holetzeck eine eigene Fassung von Prof. Ulrich Bitz, die den Stoff aus dem Kasernenmilieu in die Zirkus-Welt transplantiert.

Das musste sein? Woyzeck als Clown? Warum brauchten Sie unbedingt eine völlig neue Fassung des Klassikers?

Holetzeck: Ich habe überlegt, was mich an der Geschichte interessiert. Das Soldatenleben hat kaum noch Relevanz im Alltag. Aber es gab inspirierende Momente aus unserer Welt, dem Theaterkosmos. Woyzeck ist jemand, der versucht, mit seiner Arbeit gut durchzukommen. Doch der Hauptmann, bei uns der Zirkusdirektor, reglementiert ihn ständig. Das ist die Struktur eines kleinen Unternehmens. Wir wollten auf der Bühne eine fantastische Welt erschaffen, mit absurden Bildern, fast wie bei Fellini, sodass man erstmal gar nicht denkt, dass das ein Woyzeck ist, der gespielt wird.

Und Sie machen Marie zur zweiten Hauptfigur.

Holetzeck: Marie ist die Ballerina, die Attraktion in diesem Zirkus. Ihr Credo ist: Hier bin ich alles, draußen bin ich nichts, bei Woyzeck ist es umgekehrt. Da bahnt sich der Konflikt an.

Was ist denn in Ihrer Fassung von Büchners „Woyzeck“ übrig geblieben?

Bitz: Mehr als bei den meisten anderen Interpretationen. Wenn ich heute mehr Woyzeck haben will, muss ich Büchner ernst nehmen, den, der sich selbst oft nicht klar war, wohin er wollte. Büchner bleibt nicht dabei stehen, die Verhältnisse zu beschreiben, sondern zu fragen: Was kann ich tun? Man folgt dem Autor mehr, wenn man die Fesseln sprengt.

Raubtiernummern und Drahtseilakte. Bietet sich das Zirkus-Sujet vielleicht sowieso an – für die große Allegorie auf das wahre Leben?

Holetzeck: Absolut. Nur haben wir Woyzeck eben nicht so fatalistisch gewollt, sondern wir haben noch Texte aus Briefen und Essays von Büchner dazu genommen, um Woyzeck zu einem reflektierenden Menschen zu machen. Heutzutage ist es doch so, dass man sich selbst als Intellektueller aus seiner Arbeitswelt nicht befreien kann. Woyzeck, der Clown, der dumme August, versucht immer wieder, ganz poetische Nummern zu machen, aber der Zirkusdirektor will etwas Gerades, Einfaches. Durch seine Poesie ist Woyzeck subversiv, mit der bringt er den Hauptmann zur Verzweiflung.

Aber einen Ausweg gibt es doch nicht, die Strukturen sind, wie sie sind. Oder?

Holetzeck: Nein, aber du musst dich als Individuum befreien. Woyzeck setzt sich mit dem Umfeld auseinander. Er hat zwei Ebenen: Bei den Clownsnummern hat er eine rote Nase auf, privat setzt er die ab. Der Wechsel zwischen den Welten. . .

. . .den wir ja nicht immer so schaffen. . .

Holetzeck: Nee. (lacht)

Herr Holetzeck, wir sehen die Anziehung und Abstoßung zwischen den Figuren, manchmal beides fast gleichzeitig, das ist ein häufiges Motiv in Ihren Inszenierungen. . .

Holetzeck: Das ist meine Lebensphilosophie. Alles ist ambivalent. Du versuchst, gute Arbeit zu machen, gleichzeitig krankst du an Selbstzweifeln und wirst reglementiert. Trotzdem bleibt Woyzeck bei seiner Vision. Was mich nicht interessiert, ist, dass Woyzeck einfach nur wahnsinnig wird und seine Frau tötet. Unser Schluss ist radikal anders. Die Familie überlebt. Und darin besteht Hoffnung.

Eine Botschaft, die jeder verstehen wird? Wird ein Zuschauer ohne literaturwissenschaftliche Vorbildung Ihren Woyzeck begreifen können?

Bitz: Niemand hat je für Literaturwissenschaftler geschrieben, schon gar nicht Büchner. Der hat an Veränderungen geglaubt, wenn man Geschichten im Volk verankert. Wenn jemand am Schluss sagt: Der Zirkusdirektor, das ist mein Chef!, dann würde Büchner wahrscheinlich sagen: Jawoll Jungs! Theater will Geschichten erzählen, wie der Mensch, wenn er ins Extrem geworfen wird, eine Möglichkeit erfindet, glücklich zu werden. Es geht um das Glück.

Mit Regisseur Mario Holetzeck und Dramaturg Prof. Ulrich Bitz sprach Sylvia Belka-Lorenz

KRITIKEN:

 

 

 

vom 18.06.2011: mehr » « weniger

Staatstheater Cottbus: "Woyzeck & Marie"
Frei nach Georg Büchner

Der deutsche Arzt, Dichter und Revolutionär Georg Büchner (1813-1837) wurde gerade einmal 23 Jahre alt. Sein literarisches Werk ist schmal und passt in ein einziges Taschenbuch. Und doch hat er sich mit den Dramen "Dantons Tod", "Leonce und Lena" und dem Fragment gebliebenen Stück über "Woyzeck" in die Weltliteratur eingeschrieben. Im Staatstheater Cottbus stand gestern Abend Büchner auf dem Programm. Schauspieldirektor Mario Holetzeck inszenierte "Woyzeck & Marie", eine – wie es heißt – "frei nach Büchner" gefertigte Fassung des "Woyzeck"-Fragments.

Etwas zu frei nach Büchner

Holetzeck benutzt das "Woyzeck"-Fragment als Steinbruch für seine Ideen und Interpretationen, die sich sehr weit von Büchner entfernen. Büchners "Woyzeck" ist eine lockere, unvollendete, experimentelle Szenenfolge.
Die Reihenfolge der Szenen ist nicht exakt festgelegt, es gibt verschiedene Versionen, doch die meisten Inszenierungen beginnen damit, dass Woyzeck den Hauptmann rasiert und sofort als Opfer der ausbeuterischen gesellschaftlichen Verhältnisse kenntlich wird – und sie enden damit, dass Woyzeck beim Versuch, das Messer, mit dem er Marie erstochen hat, im Teich zu versenken, auf Nimmer-Wieder-Sehen im Wasser verschwindet.

Bei Holetzeck ist das alles ganz anders, er erfindet quasi ein neues Stück, bläht den 20-seitigen Text, den man mühelos in einer Stunde über die Bühne bringen kann, mit Fremddichtungen, mit Musik, Spiel und Tanz so weit auf, dass seine Version drei Stunden dauert, er wildert im Text, rüttelt die Szenen bis zur Unkenntlichkeit durcheinander und erfindet auch einen ganz neuen Schluss: Woyzeck ersticht nicht Marie, sondern die drei Männer, die Woyzeck und Marie das Leben zur Hölle machen: den Hauptmann, den Tambourmajor und den Doktor.

Falscher Grundansatz

Doch viel weit reichender als der freie Umgang mit dem Büchner-Text ist Holetzecks Entscheidung, das ganze Drama, das doch eigentlich in der Welt der Soldaten, in der Kaserne und in Wirtshäusern spielt, auf einen Jahrmarkt oder besser: in einen Zirkus namens "Amok" mit Artisten und Gauklern zu verlegen. Die Idee mag dem Regisseur gekommen sein, weil Woyzeck, Marie und der Tambourmajor sich im Originaltext einmal in zwei kurzen, klitzekleinen Szenen zu den Buden eines Jahrmarktes verirren.

Holetzeck macht das zur Grundidee einer ganze Inszenierung, er erfindet einen Zirkus, in dem Woyzeck und Marie arbeiten und vom großen Glück träumen. Soldat und Barbier Woyzeck wird zum traurigen Clown mit roter Nase, Marie zur Ballerina mit Engelsflügen, der bornierte Hauptmann wird zum autoritären Zirkus-Direktor, der Doktor mutiert vom wissenschaftlichen Scharlatan zum dämonischen Zauberer, aus dem Tambourmajor, bei Büchner eigentlich ein erotisches Kraftpaket, wird jetzt ein dicker Dompteur.

Alle sind stark geschminkt und tragen fantasievollste Kostüme, dazu gibt es Jahrmarkts- und Zirkus-Musik, Schlagermelodien und schrägen Gesang, das ganze ist ein frivoler, tödlicher Tanz auf dem Vulkan mit vielen Slapsticknummern, Theaternebel, Zaubertricks, erotischem Flirren und Saufgelagen, in die gelegentlich – wie rhetorische Fremdkörper – ein paar Büchner-Sätze hineingestreut werden.

Verniedlichung eines großen Werkes

Holetzecks Sicht auf das "Woyzeck"-Fragment als Zirkusnummer eröffnet dem Stück keine neue Dimension. Im Gegenteil: Woyzeck zum traurigen Clown und Marie zur verträumten Ballerina zu machen, ist ein vielleicht unterhaltsames, aber doch kurioses und bizarres Missverständnis, eine Entpolitisierung und Verniedlichung eines großen, Epoche machenden Dramas der Weltliteratur.
Büchners Dramenentwurf ist die erste Szenenfolge der Theaterliteratur, in der es weder aufsteigende noch absteigende Handlungslinien gibt, sondern nur lose aneinander gereihte Augenblicksbilder auf der gleichen Spannungsebene. Es ist auch das erste Stück Arme-Leute-Stück des deutschen Theaters, ein aufrüttelndes soziales Drama, aber kein frühsozialistisches Tendenzstück.
Das Drama zeigt Stationen auf dem Leidensweg eines Mannes, der zum Opfer der gesellschaftlicher Verhältnisse wird, der zum Versuchsobjekt der Wissenschaften degradiert wird, der sein Schicksal aber passiv erduldet und zum Schluss den Menschen tötet, den er am meisten liebt und der ihm am Kostbarsten ist: nämlich Marie, die es auch mit anderen Männern treibt.

Banal und bunt

In Cottbus aber sehen wir endlose bunte Zirkusbilder, hören banale Witzeleien, und werden Zeuge eines unerträglich kitschigen Happyends: Wir erleben nicht die Ausweglosigkeit eines erbärmlichen Lebens, sondern sehen, wie Woyzeck in einer unfreiwillig komischen Theater-Parodie alle Hindernisse aus dem Weg räumt und mit Marie und ihrem Sohn in die Freiheit fliehen: Klingt wie eine billige Seifenoper, ist aber leider ernst gemeint.

Auch die Schauspieler können dem Abend kaum Glanzlichter aufsetzen, wie denn auch: sie sind ja nur laienhafte Zauberer und angestrengte Zirkus-Amateure, und alles, was sie anpacken, hat den Charme des Billigen und Zotigen. Einzig Oliver Seidel hat als ein von allen verlachter und sich gegen die Bösartigkeiten verzweifelt wehrender Woyzeck ein paar starke Momente, und Ariadne Pabst kann als eine um ihre Karriere und Emanzipation kämpfende Marie selbstbewusst auftrumpfen. Alles andere aber ist purer Tand und leichte Tändelei, eine Textfassung, Inszenierung und Schauspielerei, die mit Büchners "Woyzeck" Schindluder treibt, dem drängenden, revolutionären Original nicht das Wasser reichen kann und schnellstens in den Theater-Orkus verbannt werden sollte.

Bewertung: zwiespältig

 

vom 20.06.2011 : mehr » « weniger

Nach Traumspiel Dramaturgie statt Poesie

Die Aufführung beginnt grandios, - als Traumspiel. In einer stummen Prozession ziehen am Freitagabend zur Premiere von Büchners „Woyzeck“ am Staatstheater Cottbus wunderschön skurril-surreale Figuren in Nebelschwaden durchs Große Haus. „Zirkus Amok“ steht über der Bühne.

Eine Ballerina schwebt als Engel mit schwarzen Haaren und weißen Flügeln, eine vielfarbig verkleidete Kraftsportlerin stakst mit Stöcken auf Schuhstelzen herein und zwischen Clowns, Zauberer und Dompteur rollen und fliegen riesige Bälle umher. Schon werden die Bälle ins Publikum geworfen, und Woyzeck, ganz in Weiß mit roter Nase und weißer Strubbelmähne über den aufgerissenen Augen des dummen August, folgt ihnen zu Juchzen, Trubel, Mitspielspektakel.

Zauberhafter Zirkuskosmos

Urplötzlich aber ist Schluss. Der diktatorische Zirkusdirektor kommandiert zur Probe: Nur er entscheidet dabei, was und wie Kunst zu sein hat.
Toll, dieser Beginn von Mario Holetzecks Woyzeck-Inszenierung, die ihre Kraft vor allem aus dem Einfallsreichtum des Bühnenbildners Lothar Scharsich zieht. Dessen bunte Fantasiefiguren und Bilderfindungen schaffen einen zaubervollen Zirkuskosmos.

Doch: Woyzeck im Zirkus?

Ein armer Kerl, so vergeistert wie hirnwütig, Hauptmannsbursche und gepeinigtes Versuchskaninchen eines Arztes: Das ist Woyzeck bei Büchner. In seinem Stückfragment ist er eine geschundene Figur, die an sich und der Welt bis zum Wahnsinn leidet und aus Eifersucht seine Frau Marie ersticht. Seine Welt besteht aus Befehlen, Unterdrückung und Zwang. Seine Fragen sind naiv und existenziell.

Büchners Woyzeck ist eine Figur von zeitloser Welthaltigkeit und schmerzender Aktualität. Regisseur Mario Holetzeck aber hat am Staatstheater Büchners fragmentarischem Text, in dem jeder knappe Satz eine existenzielle Empfindungswelt aufreißt, nicht getraut. Weil er merkwürdigerweise meint, man habe nur die Wahl, das Stück in der Soldaten- oder in der Jahrmarktswelt anzusiedeln. Die spielen zwar beide im Stück eine Rolle, aber vor allem als metaphorische Welten.

Was und wie Büchner über ein verzweifelt denkendes Individuum erzählt, das nach Liebe und Sinn in einer Welt sucht, die ihm beides zu verweigern scheint, das ist in seiner Eindeutigkeit so komplex wie in seiner Gestrigkeit heutig und braucht keine neue Verpackung.

Instabile Machtbeziehungen

Weil aber Holetzeck (mit seinem Dramaturgen Ulrich Bitz) Woyzeck in eine Zirkuswelt verpflanzt, die in ihren Machtverhältnissen auch die Theaterwelt sein soll und kann, überformt er Büchners schmerzhaft eindeutigen Text zu einem bunt äußerlichen Zirkusspektakel der vielen instabilen Machtbeziehungen.

Die Inszenierung versackt in ihren (rekordverdächtigen) knapp drei Aufführungsstunden in Langwierigkeit und Langweiligkeit. Allzu oft wiederkehrende poetisierende Posen bremsen manch schöne komische Zirkusnummer (Johanna Emil Fülle als stärkste Frau der Welt!), und wo Büchner Konzentration liefert, werden in Cottbus alle Beziehungen und Figuren schier aufgebläht zu leerem Reflexionsmaterial.

Marie (Ariadne Pabst): eine engelsgleiche Ballerina, von allen Männern umschwärmter Star des Zirkus, der seine Erfolgswelt nicht zu verlassen wagt. Woyzeck (Oliver Seidel: schmerzlos blass): ein dummer August als Denker über die Welten, dem sein Kind als kleines Double beigegeben ist. Der Hauptmann (Berndt Stichler): ein harsch befehlender Chef. Der Doktor (Gunnar Golkowski): ein experimentierender Zauberer als Monstrum. Der Tambourmajor (Michael Becker): ein aufgeblasener Popanz, so herrschsüchtig wie großspurig. Sie alle bedienen das Spektakel und verlieren das Stück dabei.

Aufgesetzte Bedeutungsgeste

Wenig Text bleibt von Büchners Woyzeck-Fragment. Oft wird er auseinandergerissen, umarrangiert und neu verteilt. Wie da manche Woyzeck-Sätze untergehen in der Geschwätzigkeit des vielen neuen Textes, wie selbst Passagen aus „Leonce und Lena“ oder Gedanken über Dummheit und Spöttertum (aus einem Brief des Dichters) zu Phrasen heruntergeredet scheinen, ist dem Regiekonzept geschuldet. Statt Poesie Dramaturgie, statt Selbstverständlichkeit Konzept, statt Bedeutung aufgesetzte Bedeutungsgeste. Der Mensch und die Natur: nichts als Staub, Sand und Dreck, - das wird uns nicht erspielt, sondern vorgesagt.

Immerhin befreit sich Familie Woyzeck schließlich und geht „on the bright side of life“: Vater, Mutter, Kind wandern gemeinsam hinaus in eine ungewisse Zukunft jenseits des Zirkus. Nun ja. Drücken wir ihnen die Daumen.

von Hartmut Krug

umweltzeichen der blaue engel, weil energiesparend

© 2008 by Oliver Seidel