DER SCHIMMELREITER Theodor Storm
Regie: Mario Holetzeck Rolle: Carsten / Volk

Premiere: Samstag, 28. November 2009

KRITIK:

NACHTKRITIK.de - Hartmut Krug
Lausitzer Rundschau - Renate Marschall
Lausitzer Rundschau - Hartmut Krug
Märkische Allgemeine - Martin Stefke

Inhalt:
Bis Hauke Haien sich als Deichgraf und „Schimmelreiter“ den anstürmenden Fluten entgegenstellen kann, gehen einige Jahre ins Land. Es ist ein raues Land, das vom Kampf gegen das Meer geprägt ist. In einem kleinen Dorf beäugen die Bewohner misstrauisch den Emporkömmling. Denn nichts anderes sehen sie in Hauke Haien, dem fleißigen Selfmade-man, der sich das notwendige Wissen über modernen Deichbau selbst beigebracht hat. Als Knecht diente er seinerzeit beim alten Deichgrafen. Als dieser stirbt, heiratet Hauke Haien dessen Tochter Elke, seine langjährige Liebe. Der Mittellose erwirbt dadurch genug Land, um seine ehrgeizigen Pläne als Deichgraf zu verwirklichen und den alten Deich zu erneuern.
Doch die Dorfbewohner sind träge und abergläubisch. Als er auch noch dem „Schimmel-
reiter“, den die Bewohner als immer wiederkehrendes und Unheil verkündendes Wesen deuten, das Pferd abkauft, sehen sie darin ein schlechtes Vorzeichen. Je weniger Unterstützung er von der Dorfgemeinschaft erfährt, desto mehr beharrt Hauke Haien auf seinem Kampf für das „allgemeine Wohl“ und verliert dabei jedes menschliche Maß.
Der Schimmelreiter ist Theodor Storms bekannteste Dichtung und gehört zu den meist gelesenen deutschen Novellen. Sie ist einerseits eine außergewöhnliche Liebesgeschichte und spiegelt andererseits den verbissenen und rücksichtslosen Versuch, sich die Natur untertan zu machen. Sich im eigenen „Missionarseifer“ zu radikalisieren und die Gemeinschaft dabei nicht mit auf den gemeinsamen Weg zu nehmen, ist auch heutzutage von erstaunlicher Aktualität.
[Quelle: www.staatstheater-cottbus.de]

Nächste Vorstellungen:

Donnerstag, den 5. April 2011 um 19.30 Uhr
Gastspiel in Friedrichshafen im Graf-Zeppelin-Haus


 

KRITIK: NACHTKRITIK.DE vom 28.11.09 - Hartmut Krug

Von Spökenkiekerei zur Apokalypse

von Hartmut Krug

Cottbus, 28. November 2009. Als wär's ein Kinderspiel, so liegt vor dem Eisernen Vorhang ein aufgeschlagenes Buch neben kleinen Deichmodellen aus Sand und einem umgestürzten Eimer, während laut hallend stetig Wasser tropft. Wenn der Vorhang sich hebt, enthüllt er eine bühnenbreite, schwarz glänzende Schräge, über die beständig Wasser fließt. Im Halbdunkel steht eine Schar in schwarzledernen Südwestern, Vogelmasken vor dem Gesicht. Ein weißer, kindlicher Engel, ein weißes Pferdchen im Arm, spricht die ersten Prophezeiungen der Offenbarung des Johannes, und die Schar der Geister reagiert chorisch auf die apokalyptischen Warnungen und Visionen.

Theodor Storms letzte Novelle aus seinem Todesjahr 1888 zeigt Menschen zwischen Aufklärung und religiösen, spökenkiekerischen Ängsten. Die Bühnenfassungen, sowohl die von Armin Petras wie die in Cottbus verwendete von John von Düffel, betonen vor dem Hintergrund unserer heutigen Erfahrungen mit Klimawandel und Raubbau an der Natur die Janusköpfigkeit und Besinnungslosigkeit des modernen Fortschrittsgedankens. Dies radikalisiert Storm, der durch eine mehrfach gestaffelte Rahmenhandlung das Schwanken zwischen rationalistischem Weltbild und unterschwelligen Ängsten vor unbeherrschbaren Naturgewalten viel zurückhaltender ausdrückte.

Wind schleudert Mensch

Der Cottbusser Schauspieldirektor Mario Holetzeck hat für seine Inszenierung die von Düffel'sche Fassung bearbeitet und die Abschnitte der biblischen Apokalypse als recht plakative Warnung in die Handlung eingebaut. Der wiederkehrende Auftritt des Engels und der die geheimen Ängste der Menschen ausdrückenden (und zuweilen unfreiwillig komisch wirkenden) Geisterschar gliedern eine Inszenierung, die eine schauspielerisch klar konturierte Dorfgemeinschaft mit all ihren Ängsten und Kämpfen, ihren Liebesintrigen und gesellschaftlichen Zwängen zeigt.

Holetzeck baut große, eindeutige Arrangements und schafft mit wunderbarer Lichtregie eine atmosphärische Bildhaftigkeit. Wenn die Menschen zu Beginn mit Sandsäcken gegen die Flut kämpfen, dann dröhnt elektronisch verstärkte Live-Musik eines Cello/Schlagwerk/Akkordeon-Trios, und die Winde mächtiger Propeller schleudern die Menschen immer wieder die überflutete Schräge hinab. Nachdem die Flut eingedämmt ist, vereinen sich diese in Gemeinsamkeit zum erschöpften Menschenhaufen. Doch der löst sich schnell wieder auf, und widerstreitende Ehrgeizigkeiten und Liebesleidenschaften prallen aufeinander.

Papierschiffchen und Kreide-Rechnung

Die junge Vollina bedrängt einen jungen Hauke Haien erotisch, der doch nur mit seinen Sandmodellen der Deiche experimentieren will. Und Haukes Gegenspieler Ole Peters konkurriert, stärker als im Roman, auf allen Ebenen mit Hauke, dem Einzelgänger – Wenn alle mit der Flasche in der Hand dasitzen und "An der Nordseeküste" singen, steht Hauke allein vor der Gruppe.

Kai Börner spielt einen ganz in sein Denken eingesponnenen, für seine Sache eloquenten Hauke, der, wenn er beim Deichgrafen als Knecht angenommen wird, sich dessen Tochter mit zarter Ungeschicklichkeit nähert. Johanna Emil Fülle spielt diese Elke mit so schöner, verhaltener Selbstsicherheit und lässt ihre Figur in schüchterner Annäherung aufblühen, dass die von Haukes Unbedingtheit, mit der sich dieser seiner Deichbau-Leidenschaft hingibt, bedrohte Liebe zwischen den beiden mit ins Zentrum des Abends rückt. Wie die beiden sich im Wettstreit gegenseitig Rechenaufgaben stellen und diese dann mit Kreide auf dem Bühnenboden lösen, während Elkes gegenüber seinem Deichgrafen-Amt eher gleichgültiger Vater seine Rechnungen als Papierschiffchen zu den beiden hinabschickt, ist eines von vielen poetisch-plastischen Bildern, mit denen diese Inszenierung die Beziehungen zwischen Menschen erzählt.

"Wenn du mien Leevster bist"

Da schweben zwei ängstliche Männer mit Leuchtflaschen im Boot hoch oben über die Bühne durch den Nebel, um scheinbare Geister aus der Nähe zu sehen. Da singt man – dramaturgisch klug eingesetzt – "La Paloma" mit der Zeile "einmal muss es vorbei sein". Da foppt der Deichgraf den auf seinen Tod wartenden Hauke mit einem Scheintod. Da wandelt sich ein Fest in Zeitlupe vom Tangotanz zur Massenkeilerei. Da wäscht sich die noch kinderlose Elke ihre Scham beschwörend im Wasser des Deichbaus zum Sehnsuchtslied "Wenn du mien Leevster bist, kumm bi die Nacht", und von Haukes Schimmelkauf wird in von Feuerzeugen geheimnisvoll erleuchteter Dunkelheit erzählt.

So betont die Inszenierung gegen Haukes Klarheit des Gedankens immer wieder das Geheimnisvolle, Bedrohliche gegenüber einer Welt, wie wir sie zu kennen meinen. Und Kai Börner lässt seinen Hauke im Ehrgeiz eines Mannes, der nur durch das Erbe seiner Frau zum Deichgrafen geworden zu sein scheint und nun allen das Gegenteil beweisen möchte, sich fanatisch verhärten.

Menetekel-Spektakel

Immer strömt dabei das Wasser, gegen den Deichbau, aber auch vom Himmel herab auf die dekorativ beschirmte Gesellschaft. Und allgegenwärtig ist der Tod. Der alte Deichgraf trägt sein Leichenhemd von Anfang an unterm Blazer, und offene Särge dienen als Esstisch, als Karren oder als wenig hilfreiche Bollwerke gegen die Flut.

Am Schluss muss der apokalyptische Kinderengel auch das schwachsinnige Kind von Elke und Hauke spielen, was dramaturgisch nicht recht überzeugt (auch wenn die achtjährige Lara Brewing mit enormer Textsicherheit und konzentrierter Bühnenpräsenz fasziniert). "Jeder empfängt das, was er verdient", verkündet der Engel, und während Hauke bei Storm noch freiwillig Frau und Kind in den Tod folgt, gehen hier alle in der Sturmflut zu Grunde. Denn keiner war schuldlos, jeder hat sich vor allem um seine egoistischen Interessen gekümmert. Doch Hoffnung bleibt, denn eine weiße Taube fliegt.

Holetzeck zeigt Theater als große, bildhafte Erzählung, als Menetekel-Spektakel. Die zwei pausenlosen Aufführungsstunden versetzen den Zuschauer zwar nicht unbedingt in atemlose Spannung, aber sie nutzen eine alte Geschichte mit Plakativität und szenisch-schauspielerischer Phantasie, um Probleme unserer gefährdeten Welt zu verdeutlichen.

KRITIK: Lausitzer Rundschau vom 28.11.09 - Renate Marschall

Weltunter am Deich
Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“ hat am Samstag in einer Bühnenfassung von John von Düffel im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus Premiere. Mit einer außergewöhnlichen Sicht auf die Geschehnisse hinter den Nordsee-Deichen und psychologischem Gespür für die Figuren hat Schauspieldirektor Mario Holetzeck die Geschichte in Szene gesetzt.

Gespenstisch ist es hier, Wolken verdecken den Mond, die Gischt peitscht übers Land, Nebel ballen sich auf, formen sich zu Gestalten. Trugbilder nur, oder treiben sie dort wirklich ihr Wesen, die Geister aus den alten Sagen?
Einen wie Hauke Haien ficht das nicht an. Der hat den Naturgewalten auf seine Weise den Kampf angesagt: mit dem Rechenstift. Außer an sich glaubt er an nichts. Seit frühester Kindheit hat er sich auf den Deichen herumgetrieben, viel vom Vater gelernt und irgendwann begriffen, warum die alten Deiche immer wieder brechen. Aber Hauke ist ein Habenichts, in den Augen der Dorfgemeinschaft ein komischer Vogel, ein Eigenbrötler, der nichts von einem guten Schluck oder von Weibern hält, sondern hinter den Büchern und auf dem Deich hockt. Nur an Elke, der Tochter des Deichgrafen, bleiben immer wieder seine Augen hängen. Und auch sie mag diesen eher stillen, zielbewussten jungen Mann mehr als Ole Peters, den Großknecht, der sich schon als Elkes Mann und Deichgraf sieht. Als schließlich Elkes Vater stirbt, bekennt sie sich zu Hauke. Durch die Hochzeit hat der schließlich so viel Land, dass er Deichgraf werden kann. Nichts steht seinem Plan für einen neuen Deich mehr im Wege. Bis auf die Dorfbewohner – „Macher, Mitläufer, Clowns, wie es sie in jeder Gemeinschaft gibt, auch hier in der Lausitz“. So rückt Regisseur Mario Holetzeck die Geschichte ins Heute.

Der Dorfgemeinschaft bleibt Hauke Haien (gespielt von Kai Börner) ein Buch mit sieben Siegeln. Und so wie in der biblischen Johannesoffenbarung Siegel für Siegel gebrochen wird und die Apokalypse ihren Lauf nimmt, so streben die Figuren im Stück ihrem Untergang zu.

Für Mario Holetzeck ist es eine Geschichte von Schuld: „Hauke Haien wird schuldig, weil er seine Pläne geradezu fanatisch umsetzt, es ihm nicht gelingt, diese von Glauben und Aberglauben beherrschten Menschen für sein Projekt zu gewinnen. Er will sie zwingen, statt sie zu überzeugen. Aber auch die Dorfbewohner werden schuldig, weil sie mit allen Mitteln versuchen, das Neue zu hintertreiben, Hauke keine Chance geben, ihn zum Scheitern verurteilen.“

Mario Holetzeck erzählt eine Parabel, ein Gleichnis, und bedient sich dazu eines Engels in Gestalt eines kleinen Mädchens. „Zwar ist der mit gewaltiger Kraft ausgestattet, bleibt aber Beobachter, weil die handelnden Personen selbst schuld sind, an den in einer Katastrophe endenden Ereignissen“, so der Regisseur. Dabei hätte sich alles zum Guten wenden können, denn solange die Menschen gemeinsam handeln, gelingt es ihnen auch, den Deichbruch zunächst zu verhindern, die Naturgewalten zu beherrschen. „Das ist doch wie im richtigen Leben“, sagt Holetzeck. „Was könnte die Menschheit nicht alles vollbringen, wenn sie frei von nationalen, lobbyistischen oder anderen egoistischen Interessen gemeinsam anstehende Aufgaben angehen würde. Klimawandel, Hunger und Krankheiten müssten nicht länger Geißeln der Menschheit sein. Alle wissen das und dennoch gelingt es nicht, der Einsicht Taten folgen zu lassen. Wie Hauke Haiens Dörfler sind wir mitten drin in der Apokalypse.“

Wie besessen lässt Hauke am neuen Deich bauen, vernachlässigt aber den alten. Als schließlich eine Jahrhundertflut den Wall bedrängt, bricht er. Hauke muss mit ansehen, wie Frau und Kind ertrinken. Schließlich lenkt er selbst seinen Schimmel in die Fluten und schreit: „Herr, Gott, nimm mich, verschon' die anderen!“ Bei Storm endet damit die Geschichte des Hauke Haien, die der Schulmeister des Dorfes einem Reisenden erzählt, dem auf dem Deich der Schimmelreiter begegnet ist – der zur mystischen Figur gewordene Deichgraf. Mario Holetzeck geht noch einen Schritt weiter, bei ihm sterben alle. Keiner ist schuldlos geblieben. Auf Hybris steht Untergang.

Unweigerlich? Nicht, wenn Einsicht den Lauf der Dinge unterbricht. Zwar bebt die Erde schon, aber die Sonne färbt sich noch nicht überall schwarz und die Sterne sind nicht vom Himmel gefallen. Das sechste Siegel hat nur einen kleinen Knacks. Vielleicht überlegt es sich Gott ja noch einmal und bricht das Siebente nicht. Noch ist Hoffnung.

Als Gast ist Stefanie Höner in der Rolle der Vollina Harders zu sehen, die u. a. aus Fernsehserien wie „Verliebt in Berlin“ und „Girlfriends – Freundschaft mit Herz“ sowie der Ost-West-Komödie von Sat.1 „Barfuß bis zum Hals“ bekannt ist.

Von Renate Marschall

KRITIK: Lausitzer Rundschauvom 30.11.09 - Hartmut Krug

Theodor Storms „Der Schimmelreiter“ hat am Staatstheater Cottbus Premiere
COTTBUS Theodor Storms letzte und berühmteste Novelle aus seinem Todesjahr 1888 erzählt vom Knecht Hauke Haien, der nach dem Tod des Deichgrafen durch Heirat mit dessen Tochter selbst Deichgraf wird. Um sich und den Dorfbewohnern zu beweisen, dass er dieses Amt verdient, baut er einen neuen Deich, mit dem mehr Sicherheit gewährt und neues Land gewonnen werden soll. Doch seinen Kampf um Anerkennung und gegen die Natur verliert er: Eine Sturmflut führt zur Katastrophe, seine Frau und sein Kind kommen in den Wellen um und er selbst stürzt sich hinterher.

Kalte Dusche im Cottbuser „Schimmelreiter“: Hauke Haien (Kai Börner, r.) mit Vollina Harders, gespielt von Gast-Schauspielerin Stefanie Höner, die unter anderem aus Fernsehserien wie „Verliebt in Berlin“ bekannt ist. Foto: Marlies Kross
Storms Novelle, die die Gültigkeit eines rein rationalistischen Weltbildes befragt und Fortschritt als zwiespältig zeigt, gelangt in unseren von Klimawandel und Umweltzerstörung bestimmten Zeiten jetzt auch in Cottbus auf die Bühne.
Über die schräge, schwarz glänzende Bühne fließt unablässig Wasser, während ein weißer, kindlich kleiner Engel inmitten einer Geisterschar in schwarzledernen Südwestern und mit Vogelmasken vor dem Gesicht die apokalyptischen Prophezeiungen der Offenbarung des Johannesevangeliums spricht. Während Storm durch eine mehrfach gestaffelte Rahmenhandlung das Schwanken zwischen rationalistischem Weltbild und unterschwelligen Ängsten vor unbeherrschbaren Naturgewalten eher zurückhaltend ausdrückte, setzt Regisseur Mario Holetzeck mit der Apokalypse auf kräftige Plakativität.
Der wiederkehrende Auftritt des Engels und der die geheimen Ängste der Menschen ausdrückenden (zuweilen allerdings eher unfreiwillig komisch wirkenden) Geisterschar gliedern eine Inszenierung, die eine schauspielerisch klar konturierte Dorfgemeinschaft mit all ihren Ängsten und Kämpfen, ihren Liebesintrigen und gesellschaftlichen Zwängen zeigt.
Mario Holetzeck baut große, eindeutige Arrangements und schafft mit wunderbarer Lichtregie eine atmosphärische Bildhaftigkeit. Wenn die Menschen zu Beginn mit Sandsäcken gegen die Flut kämpfen, dann dröhnt elektronisch verstärkte Live-Musik eines Cello-Schlagwerk-Akkordeon-Trios, und die Winde mächtiger Propeller schleudern die Menschen immer wieder die überflutete Schräge hinab. Nachdem die Flut eingedämmt ist, vereinen diese sich zur Gemeinsamkeit eines erschöpften Menschenhaufens, der sich schnell wieder auflöst. Stefanie Höner bedrängt als junge Vollina Hauke Haien erotisch, wobei der redlich hölzerne Mann nur mit seinen Sandmodellen der Deiche experimentieren will.
Dann sind schon die anderen jungen Menschen des Ortes da, auch Haukes auftrumpfender Gegenspieler Ole Peters (Jan Hasenfuß), der mit dem Einzelgänger Hauke bei den Frauen und um die öffentliche Anerkennung mit Hauke konkurriert. Wenn alle mit der Bierflasche in der Hand beisammensitzen und zur Ziehharmonika „An der Nordseeküste“ singen, dann steht Hauke vor der Gruppe und ist draußen. Hauke wird von Beginn an als Einzelgänger gezeigt, als Denker und Andersdenker.
Ins Denken eingesponnen
Kai Börner spielt ihn als einen ganz in sein Denken eingesponnenen, für seine Sache eloquenten Mann, der in Elke, der Tochter des Deichgrafen, eine Gleichgesinnte findet. Und so nähert er sich ihr, nachdem er beim Deichgrafen als Knecht angenommen wurde, mit zarter Ungeschicklichkeit. Johanna Emil Fülle spielt diese Elke mit so schöner, verhaltener Selbstsicherheit und lässt sie in schüchterner Annäherung aufblühen, dass die von Haukes Unbedingtheit, mit der sich dieser seiner Deichbau-Leidenschaft hingibt, bedrohte Liebe zwischen den beiden kräftig ins Zentrum des Abends rückt. Wie die beiden sich im Wettstreit gegenseitig Rechenaufgaben stellen und dann diese mit Kreide auf dem Bühnenboden lösen, während Elkes gegenüber seinem Amt eines Deichgrafen eher gleichgültiger Vater seine Rechnungen als Papierschiffchen zu den beiden hinabschickt, ist eines von vielen poetisch-plastischen Bildern, mit denen diese Inszenierung die Beziehungen zwischen Menschen erzählt.
Da schweben zwei ängstliche Männer mit Leuchtflaschen im Boot hoch oben über die Bühne auf ihrem Weg durch den Nebel, da foppt der Deichgraf (Michael Krieg-Helbig) den auf seinen Tod wartenden Hauke mit einem Scheintod, da wandelt sich ein Fest vom Tangotanz zur Massenkeilerei in Zeitlupe und da wäscht sich die noch kinderlose Elke ihre Scham beschwörend im Wasser des Deichbaus. Während sich die abergläubigen Menschen in religiösen Schwärmereien und Spökenkiekereien verlieren, verhärtet sich Kai Börners gedankenklarer Hauke bei seinen Planungen im Ehrgeiz. Wenn die Ensemblemitglieder, zu den bereits Genannten kommen Thomas Harms, Susann Thiede und Oliver Seidel, zwischen ihren Rollen als Dorfbewohner und als Chorgeister wechseln, zeigt sich wieder einmal die Stärke des Cottbuser Ensembles, in die sich die achtjährige Lara Brewing als Engel bzw. Apokalypse bravourös einfügt.
Immer aber strömt das Wasser in dieser Inszenierung, gegen den Deich und auch vom Himmel herab auf eine dekorativ beschirmte Gesellschaft. Und allgegenwärtig ist der Tod. Der alte Deichgraf trägt sein Leichenhemd von Anfang an unterm Blazer, und offene Särge dienen als Esstisch, als Karren oder als wenig hilfreiche Bollwerke gegen die Flut.
Keiner ist schuldlos
Während bei Storm Hauke freiwillig Frau und Kind, die in den Fluten umkamen, in den Tod folgt, gehen bei Holetzeck alle Menschen in der Sturmflut zugrunde. Denn keiner im Dorf war schuldlos, hat sich doch jeder vor allem um seine egoistischen Interessen gekümmert. Allerdings bleibt Hoffnung, denn eine weiße Taube fliegt.
Mario Holetzecks Inszenierung zeigt Storms Novelle als bildhaftes, großes Erzähltheater und als Menetekel-Spektakel. Die zwei pausenlosen Aufführungsstunden versetzen den Zuschauer zwar nicht unbedingt in atemlose Spannung, aber sie nutzen eine alte Geschichte mit Plakativität und szenisch-schauspielerischer Fantasie, um Probleme unserer gefährdeten Welt zu verdeutlichen. Für Cottbuser Verhältnisse reagierte das Publikum geradezu euphorisch auf diese Apokalypse-Warnung.
Von Hartmut Krug

KRITIK: Märkische Allgemeine vom 05.12.2009 - Martin Stefke

Im Cottbuser Staatstheater galoppiert Theodor Storms „Schimmelreiter“ in den Weltuntergang
COTTBUS - Den Willen zur großen Form kann man Mario Holetzeck nicht absprechen. Angst vor Welterklärungsversuchen scheint der Cottbuser Schauspieldirektor nicht zu kennen. Was er jetzt mit seiner Inszenierung der von John von Düffel dramatisierten Novelle „Der Schimmelreiter“ des nordfriesischen Dichters Theodor Storm auf die Bühne des Staatstheaters bringt, ist allein aus diesem Grund schon sehenswert.

Brachialgewaltig stürmend bis poetisch kommt die für das Niederlausitzer Haus veränderte Düffelsche Fassung auf dem Bühnendeich von Gundula Martin daher, mit Wasser, Nebel und Wind.

Die Leistungen der Hauptdarsteller sind überragend. Kai Börner überrascht als Hauke Haien. Börner hat all die Angestrengtheit früherer Rollen abgestreift. Bei ihm ist Hauke Haien ein echter Mensch, ein Mann, der das Leben zu gestalten sucht, und doch voller Zweifel steckt. Mal zeigt Börner aufbrausend Leidenschaft, mal wirkt er verlegen bis verklemmt. So kann der künftige Deichgraf sowohl glaubhaft um seine Sache kämpfen, als auch ein fürsorglicher, die Schwere des Daseins vergessender Vater sein. Wunderbar, wie Börner die mit ihren Reizen lockende Vollina Harders (als Gast: Stefanie Höner) wegschiebt, wie er sich – geradezu faustisch – mehr für Euklids „Geometrische Mathematik“ und Deichmodelle interessiert als für die Erforschung der im lila Strickkleid üppig zur Geltung kommenden Rundungen. Großartig, wie er behutsam mit Elke, der Tochter des Deichgrafen Volkerts, anbändelt, bald darauf mit ihr in liebevoller Konkurrenz in einen Rechenwettkampf verfällt, und später die Behinderung der eigenen Tochter zu übersehen vorgibt und hingebungsvoll mit dem „schwachsinnigen“ Mädchen spielt.

An Johanna Emil Fülle als Elke Volkerts scheint anfangs wahrhaftig ein Junge verloren zu sein. Burschikos zupackend, findet sie bald Gefallen am grübelnd-geistvollen Hauke. Wenn Johanna Emil Fülle auftritt, herrscht immense Spannung, auch ohne Worte.

Jan Hasenfuß gibt Ole Peters, den großmäuligen Großknecht und ein wenig allzu schablonenhaften Wortführer gegen Haukes Plan, dem Meer neues Land abzuringen. Holzschnittartig wie er wirkt auch das geifernde Volk in schwarzem Gummizeug.

Über den Deich läuft ständig Wasser. Aber es „regnet“ auch immer wieder prägnante Szenen. Der Regisseur setzt auf den trockenen Witz und die spökenkiekerische Seele der Friesen und spickt die Inszenierung mit Liednummern wie „An der Nordseeküste“ und „La Paloma“. Dennoch wird dieser zweistündige „Schimmelreiter“ nicht zum Volksstück. Holetzeck interessiert nicht das Lokalkolorit, sondern die Parabel vom Untergang der Welt. Dafür hat er die Figur der Apokalypse hinzugefügt, ein zwergenhaftes, kahlköpfiges Wesen, das in einem weißen Kleid Weltuntergangstexte vorträgt. Fabelhaft beschwört die naive Stimme der achtjährigen Lara Brewing das düstere Ende. Und doch wirkt dieses kanonhafte Kassandrarufen zunehmend angestrengt.

Weil in den Deich, wie das Volk skandiert, „etwas Lebiges hinein muss“, folgt Hauke seiner Frau in die Fluten. Das Mädchen reicht ihm die Hand und kommentiert: „Jeder empfängt, was seinen Taten entspricht.“ Auf dem Damm türmen sich da neben Sandsäcken auch Särge. Das ist dann doch des Bösen zu viel.

 

umweltzeichen der blaue engel, weil energiesparend

© 2008 by Oliver Seidel