DIE RÄUBER Regie: Esther Hattenbach Rolle: Karl Moor

Premiere: Samstag, 6. Dezember 2008


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Inhalt:
Die Brüder Karl und Franz Moor stehen ihren bisher unerfüllten Lebensplänen gegenüber und beginnen – jeder auf seine Weise – gegen die Welt Sturm zu laufen. Franz pflegt seit Jahren den kranken Vater und will nun endlich die Herrschaft im Haus übernehmen. Dazu fingiert er einen Brief, der bewirkt, dass sein Bruder verstoßen wird. Als der Student Karl die vermeintliche Zurückweisung des Vaters erhält, gründet er aus Verzweiflung eine Räuberbande: Er will die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft mit Gewalt bekämpfen. Inzwischen erklärt Franz Karl sogar für tot, bringt den Vater an den Rand des Grabes und versucht Amalia, die unbeirrt auf ihren Geliebten Karl wartet, in die Ehe zu zwingen.
Nach dramatischen Kämpfen und Verfolgungen taucht Karl mit den Resten seiner Bande am väterlichen Haus auf. Es kommt zum „Showdown“, in dem beide Brüder erkennen müssen, dass ihre Träume zu Alpträumen geworden sind. [Quelle: www.staatstheater-cottbus.de]

RBB-Kulturradio: Vorbericht zur "Räuber"-Premiere von Oliver Kranz ->anhören

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Interview der Zeitschrift "Lampenfieber" -> lesen

KRITIK: Lausitzer Rundschau vom 9/12/2008 - Irene Constantin

Tod im Tunnel

Ein nachtschwarzes, sich in der Tiefe der Bühne verlierendes Bücherverlies ist der Spiel- und Schauplatz für diese „Räuber“; die „Böhmischen Wälder“ sind längst Holzschliff für die Papierherstellung geworden. Die Symbolkraft des Bühnenbildes von David Hohmann ist einleuchtend. Der Student Karl von Moor kommt in der heldenschwangeren Bücherwelt ebenso vor wie der Karlsschüler Friedrich Schiller und die Blässlinge Franz und Maximilian von Moor. Die Regale taugen sogar als Kletterbäume für die Räuberbande. Als wäre es ein Homer-Zitat wird ein Scheiterhaufen wie für den antiken Helden Patroklos errichtet, als der beste der Räuber stirbt.

Eine wortmächtige Kopfgeburt ist Schillers Jugendwerk, er selbst empfand seine Figuren als Monstren im Guten wie im Bösen. Als eingeschlossener, von der Welt abgeschiedener Schüler hätte er aus Mangel an Erfahrung keine Menschen zu gestalten vermocht, erklärte er in einer anonymen Selbstkritik des Werkes. Ganz folgerichtig inszeniert auch die junge Regisseurin Esther Hattenbach ihre „Räuber“ als eine „Versuchsanordnung“. Mit hochfliegenden Plänen revoltieren Franz und Karl gegen die eine einzige Lebensperspektive, die ihnen der lange Gang zwischen den Bücherregalen zu eröffnen scheint, um schließlich doch in eben jenem Tunnel zu sterben. An dessen Seiten stehen zum Schluss nur noch die leeren Regale. Selbst das Hochgemute papierner Helden, der Trost papierener Glückseligkeiten ist dahin.

Geht es im ersten Teil mit abwechselnden Statements der vermeintlichen Antipoden Franz und Karl noch um das Glücksstreben der Brüder, fokussiert sich die Inszenierung im zweiten Teil immer mehr um eine gesellschaftliche Frage, die Frage nach der Zulässigkeit von Gewalt im Dienste humanistischer Ideale. Alle Bewegungen, die um das Aufbegehren der Entrechteten sich drehten, schlugen sich mit dieser Problematik herum, ob es der Bauernkrieg war oder Büchners Aufruf um Friede den Hütten, Krieg den Palästen, ob es die russische Revolution 1917 war oder der deutsche Herbst. Natürlich musste auch Schiller in diesen Gedankenstrudel geraten. Karl und seine Räuber, Karl gegen seine Räuber, der edle Rächer von Gesetz und Recht, der Mörder von Kranken und Kindern unter Mördern des gleichen Schlages. Bei Schiller gewinnt Karl, nachdem er eine erkleckliche Anzahl von Toten hinterlassen hat, die innere Freiheit, sich dem Gesetz zu stellen. In Cottbus verweigert ihm seine Bande auch dies. Dem Manne kann nicht geholfen werden, der Räuber Karl wird von seiner Bande hinterrücks erschossen.

Sehr dezent zeigt Oliver Seidel wie wenig stimmt mit diesem Karl. So sehr es Karl um eine persönliche Harmonie zwischen der Welt und sich selbst zu tun ist, so wenig gelingt es ihm, gerade diese Integrität zu gewinnen. Seidel strafft seinen Körper zur reifen Persönlichkeit und ist doch ein versteckter Großsprecher. Er balanciert den Karl zwischen Bandenchef mit großer Geste und Grübler mit großem Wort und verbirgt dahinter doch das Vatersöhnchen, dem die Welt in die er sich wagte, ein unsicheres Terrain ist. Der arrogante Klassenbeste ist noch in ihm zu sehen, wenn er seine Kumpane, von Esther Hattenbach mit Sorgfalt individualisiert, gönnerhaft mit wohlgesetzten Worten als miese Mörder abqualifiziert und sich penetrant für besser erklärt. Die Erfahrung einer Schlacht erst lässt ihn vom angemaßten zum gebrochenen Mann werden. Die Gesten werden kleiner, die Bewegungen zurückgenommener.

Amadeus Gollner als Franz hat sich gar nicht erst hinausbegeben in so etwas wie eine Welt. Franzens schwarzen Intrigen, seine sophistischen Geltungsansprüche an Gott und die Natur winden sich mit Gollners gelenkiger, amöbenhaft beweglicher Gestalt hinter dem väterlichen Rollstuhl hervor. Wenn er mit überlistigen Argumenten das Publikum frontal zu überreden versucht, möchte man fast Mitleid mit ihm haben, der es bei so glänzenden intellektuellen Anlagen aus Charaktermangel zu so gar nichts gebracht hat.

Seine vor allem in straffen Schritten demonstrierte Kraft ist ein Spuk, sinkt kläglich in sich zusammen, wenn ihr nur einmal Widerstand entgegengesetzt wird. Der kommt von Amalia. Kathrin Victoria Panzer spielt das Mädchen mit einer zärtlichen Sperrigkeit, mit einem hauchfeinen Humor – man wünschte ihr, sich beide Kerle vom Hals zu schaffen und den Bücherturm zu verlassen. Dem Tod gibt sie sich deutlich vorschnell hin.

Dem alten Moor verpasste Hans-Peter Jantzen eine derart überwältigende kaulquappenmäulige Mittelmäßigkeit, dass man kaum an jene besseren Tage glauben konnte, an denen beide Brüder ihr Wohl und Wehe diesem Vater verschrieben. Entsprechend unspektakulär ist sein Ende.

Alle übrigen Tode kann auch kein Opernfinale wirksamer auf die Bühne bringen: nach der Wahnsinnsarie der Selbstmord des Bösewichts. Dann das Finale als großes Schlussduett des Liebespaares mit lyrisch-inniger Kantilene und Carls Liebesmord an Amalia, grausig kontrastiert vom Chor der „Masnadieri“. Zum Paukenwirbel der Todesschuss – Verdi wusste schon, was er an seinem Schiller hatte.

Das Publikum feierte die Schauspieler und das Inszenierungsteam.

von irene constantin

 

KRITIK: Märkische Allgemeine 16/12/2008 - Martin Stefke

BÜHNE: Seht den lieblichen Abend

Am Cottbuser Staatstheater inszeniert Esther Hattenbach Friedrich Schillers „Die Räuber“

COTTBUS - Ein gefälschter Brief, das Zittern und Grinsen, der gierige Blick auf Amalia. – Man kann sich fragen, ob es wirklich so einfach ist? Ob ein solch hinterhältig-schmieriger Typ wie dieser Franz Moor, den uns der Schauspieler Amadeus Gollner jetzt in Friedrich Schillers Dramen-Erstling „Die Räuber“ am Staatstheaters Cottbus vorführt, tatsächlich Erfolg gehabt hätte? Zu durchschauen ist der intrigante Ehrgeizling nämlich jederzeit. Und doch scheint diese Haltung absolut zu stimmen, wie so vieles in Esther Hattenbachs „Räuber“-Version. Denn Schillers Intrigenpersonal, das die Regisseurin jetzt ausgesprochen gegenwärtig und präzise auf die große Cottbuser Bühne gestellt hat, ist nicht ganz auf der Höhe: Vater Moor kommt ziemlich hilflos und so gebrechlich daher, dass ihn hin und wieder eine ordentliche Ohnmacht überfällt. Und Amalia? Ihr verleiht Kathrin Victoria Panzer eine beinah wirklich schwebende Engelsgestalt. Reichlich weltentrückt ist dieses keusche Kind – „wonneberauscht“, wie es bei Schiller heißt, – um nicht zu sagen: etwas blöde. Ja, vor lauter Liebe zum in der Ferne weilenden Karl merkt das brave Mädchen einfach nicht, wie unverfroren neben ihr gelogen und betrogen wird. So hat das Ekel Franz ganz einfach freie Bahn. Er muss sich gar nicht groß verstellen.

Wie Amadeus Gollner die Intrige gegen den Bruder ausspielt, die Rolle genüsslich mit dem Leben eines verklemmten Widerlings zu füllen weiß, ist eine Freude. Wie ein drittklassiger Philosophieprofessor an der Rampe schwadronierend, ein wenig tänzelnd, doch kalt agierend, wenn er Amalia wirklich an den Haaren zur Kapelle schleift, um Gnade winselnd, da sein Ende naht – immer kann Gollner überzeugen. Aber auch sonst zeigt das Ensemble durchgehend passable Schauspielkunst. Da lässt sich durchaus übersehen, dass Hans-Peter Jantzens Graf von Moor anfangs doch zu karikierend kränklich wirkt.

Oliver Seidels Karl ist ein echter Revoluzzer. Mit jeder Menge Charisma und doch bedrohlich zwischen Melancholie und Leidenschaft schwankend, hat er das Zeug zum Popstar, seine Räuberbande zur umschwärmten Independent-Band. Donnernde Beats begleiten die Truppe dann auch. Jede Menge Coolness strömt da aus Kapuzenshirts und Cargohosen. Fehlten diesen Jungen (mit Johanna Emil Fülle als Schufterle ist auch ein ziemlich rabiates Mädchen dabei) Maschinengewehre und Pistolen, man könnte diese Gestalten wohl an der nächsten Straßenecke jeder finsteren Klein- und Großstadt treffen. Doch Karls Räuber ziehen plündernd durch die „böhmischen Wälder“, überfallen und zerstören die verhasste Welt des Establishments. Wenn sie aus der Schlacht zurückkehren, bringen sie neben dem toten Kameraden als Trophäen Perlenketten, Uhren, Büstenhalter, Bilderrahmen und schon mal den Schädel eines Feindes mit. Aus Freiheitskämpfern wurden längst Banditen. „Seht den lieblichen Abend“, stößt einer zynisch hervor.

David Hohmann hat diesem bösen Spiel den passend kargen Raum gebaut. Im schwarzen Bühnenrund stehen allein zwei überdimensionierte Bücherregale. Wer mit Bildung aufwächst, so scheint uns Esther Hattenbachs Inszenierung zu sagen, wird nicht zwangsläufig als Schöngeist leben. Ja, Bücherfreunde erleben wir wahrlich nicht. Nur Amalia wird einmal ein paar Zeilen lesen und damit ihre Außenseiterrolle demonstrieren. Die anderen werfen die Bücher nur umher, reißen sie aus ihren Fächern, treten mit Füßen auf ihnen herum, sitzen darauf – bis die heile Bücherwelt in Trümmern liegt: Nach der Pause erinnern die leeren Regale an Feldbetten eines Militärlagers. Doch diese Äußerlichkeiten sind es eben nicht, die den Reiz dieser Interpretation ausmachen. Die Cottbuser haben Schiller ganz genau gelesen – und ihn bis in die kleinste Rolle auf der Bühne umgesetzt. Und so wird aus diesen „Räubern“ zwar kein lieblicher, doch aber ein rundum spannender Abend.

Nächste Vorstellung: 17. Dezember, 19.30 Uhr. Staatstheater Cottbus. Großes Haus am Schillerplatz. Karten unter 01 803/44 03 44. (Von Martin Stefke)

 

KRITIK: Märkischer Bote 13/12/2008 - J. Heinrich
Sie sind nicht jedermanns Sache, diese hektischen Inszenierungen, in denen schreiend und atemlos deklamiert wird, die Gedanken verhetzt werden, noch ehe sie ins Bild passen und Schauspieler erstarrt an der Rampe stehen, weil sie nicht auch noch spielen können, was sich schwer genug sagen lässt. Doch dann gibt es diese Überfälle, dieses Stürzen in die Kulisse, das Knallen und Fallen und Brennen und Rauchen. „Action“ (sprich: ägtschen) heißt das neudeutsch, und der einschlägig Großkino-geprägte Zuschauer im Parkett wird erfasst von Dramatik bis ins Nackenhaar.
Schiller hätte Riesenspaß an Esther Hattenbachs Inszenierung trotz kräftiger Textkürzungen. Sie wird Gespür haben durch den Vorteil einer Geburt im Geist des Ortes: In Weimar, wo sich Schillers (des dann schon reiferen) Glanzzeit zutrug ist sie geboren, nebenan in Jena, wo der Räuberer als Geschichtsprofessor dozierte, wuchs sie auf. Welch Glück, sie nun am hiesigen Schillerplatz zu wissen, nach „Kick“ mit ihrer zweiten Arbeit.
Denn trotz übler Schreierei: Diese Inszenierung zeichnet in einem großen Familien- und Gesellschaftsdrama messerscharf höchst komplizierte Charaktere. David Hohmanns Bühnenbild gibt die Schablone dafür: Hohe Regalwände, angefüllt mit streng gestellten Büchern, rahmen den Spielraum, sind, ganz nach Situation, Wälle oder Schutzzonen, deckender Hinterhalt oder Waffenkammer. Die Lehre zwischen den Buchdeckeln scheint unnütz, zu Wurfgeschossen verkommen die Bände - es herrscht Anarchie.
Mehr noch als Karl, der Rebell, steht Franz, der stets zurückggesetzte und nun intrigant aufbegehrende Sohn des alten Moor im Blickfeld. Im Dialog mit dem halbgelähmten und trotzdem wütenden Vater (Hans-Peter Jantzen) sucht er seine Feigheit zu überwinden oder später in gehemmt-wilder Begierde gegenüber der schreckhaften Amalia (Kathrin Victoria Panzer) seine Mannhaftigkeit zu wagen. Ihm ist das Scheitern gegeben so wie seinem Bruder das Führen und Stürmen. Franz (ein von Amadeus Gollner filigran gezeichneter aufbegehrender Schwächling) und Karl (ein Hoppla-Typ von Oliver Seidel) hatten kaum Chancen, „Normalos“ zu sein, weil sich ihre Bücherwand nicht als brauchbare Wertewelt erwies. Heuchelndes stand da drin, und erst als die Seiten in Fetzen flogen, waren sie Lebensrausch. Mit seinen Rebellen fühlte Karl sich einige Waldtage lang besser. Doch anders als bei modernen RAF-Kumpanen wirkte in Franz alte Nestwärme und das Heimweh nach.
Zu spät war nach dem Schwellenübertritt die Zeit zur Umkehr. Blut fließt und Machtrausch (Kai Börner als Spiegelberg mit der Geste das Diktators) verzerrt jedes Maß. Nichts ist reparabel in diesem „Freiheitsdrama“, das dem jungen Schiller schon damals entglitten war. Karl, der irgenwann auch eine Episode als idealistischer Weltverbesserer durchlebte, fällt unspektakulär - durch Schüsse in den Rücken. Schluss. Aus.
Das Cottbuser Publikum war überwiegend heftig begeistert von dieser Lesart.

J.Heinrich
umweltzeichen der blaue engel, weil energiesparend

© 2008 by Oliver Seidel