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Lausitzer Rundschau vom 1.3.2010 - Gabriele Gorgas |
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Narren treiben ihr Spiel
Er hat das Pferd zuschanden geritten, erreicht zwar das Ziel mit Müh und Not, doch in seinen Armen das Kind ist tot. Um den Erlkönig geht es zwar nicht an diesem Abend, bei dem in der nun schon 5. Premiere besagter Reihe vom Staatstheater Cottbus erklärtermaßen Klassiker auf den Kopf gehauen werden.
Doch ein junger Wilder ist da allemal am Werke, und so zieht Max Claessen in seiner Inszenierung das Stück „Man spielt nicht mit der Liebe“ („On ne badine pas avec l'amour“) von Alfred de Musset an der Kammerbühne derart durch den Kakao, dass letztlich kaum noch Substanz übrig bleibt.
Im deutlichen Gegensatz zur Bühne von Mathias Rümmler und den Kostümen von Mirjam Henriette Benkner; die Ausstattung ist erstaunlich „greifbar“.
Keiner hat erwartet, dass der junge Regisseur diesen Bühnentext aus dem 19. Jahrhundert „sicher und warm hält“, und er lebt in Zeiten, in der das Theater kaum mehr als moralische Anstalt gilt. Doch ein derartiges Verflüssigen von Aussagen bekommt nicht mal der heutigen Bühne, und da ist man schon einiges gewohnt. Welcher Teufel treibt Claessen nur, seine Darsteller in eine sich derart vertändelnde Hatz zu treiben? Wo sie keine Chance haben, nuanciert zu sein, ihnen Äußerlichkeiten so aufgedrückt sind, dass sich Qualitäten nur schwerlich offenbaren lassen.
Auf den ersten Blick betrifft das vor allem Michael Becker als Baron mit goldener Krone sowie Oliver Seidel in der Rolle des nach dieser strebenden Narrs. Doch die beiden sind in ihren Eigenarten geschickt genug, um aus der jeweiligen Situation noch das Beste zu machen. Komplizierter ist es da für Jan Hasenfuß als Perdican sowie Johanna Emil Fülle in der Rolle der Camille. Sie bleiben – und das möchte man beileibe nicht den Schauspielern anlasten – mehr nur die Behauptung ihrer selbst, agieren wie Theatergestalten, bei denen versäumt wurde, die Rolle wahrhaftig zu hinterfragen. So sind sie weder noch, und das als Protagonisten des Geschehens – wie soll der Zuschauer da einen Fuß in die Geschichte bekommen?
Für Ariadne Pabst als Rosette gibt es diese Irritationen nur zu Beginn. Als bereitwilliger Spielball der sich verhakelnden Parteien wird sie schon bald zur tragischen Figur, und zuweilen hat man mehr Interesse an ihrem Schicksal, als beispielsweise an der maßlosen Selbstbehauptung von Perdican, der sie in seiner Willkür benutzt. Rosette ist letztlich das fünfte Rad am Wagen, sieht im Gegensatz zu den anderen keinen Ausweg mehr, und ihr selbstgewählter „Abgang“ assoziiert, wie tödlich ernst das Spiel mit der Liebe sein kann.
Dass Claessen durchaus auch Achtungszeichen zu setzen vermag, mit Darstellern und Zuschauern nicht nur Schabernack treibt, ist besonders in der Schlussversion erkennbar. Da lässt er alle Masken fallen, und Oliver Seidel bekommt jede Aufmerksamkeit, wenn er dem verfehlten Paar ins Gewissen redet, unverstellt sie selbst zu sein. Eine Aussage, die vor 176 Jahren mehr als gewagt war und heute schon wieder Courage verlangt. Endlich bekommt da auch die Camille von Johanna Emil Fülle mehr Konturen. Und in der Differenzierung klappt es ebenso mit den beiden Herren, die es mit Geld und Einfluss in der Hand haben, die Geschicke anderer zu beeinflussen. Wenn sie schließlich Krone und Narrenkappe tauschen, ist das für sie ein Stück von gewonnener Freiheit wie ebenso von Macht. Jeder muss da selbst entscheiden, was ihm mehr wert ist.
Von Gabriele Gorgas |
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Märkische Allgemeine vom 1.3.2010 - Martin Stefke |
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Auf der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus inszeniert Max Claessen Alfred de Musset
COTTBUS - Man spielt nicht mit der Liebe? Oh, doch. Auf der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus ganz gewiss. Hier hat der 32-jährige Regisseur Max Claessen in der Reihe „Die Jungen Wilden. Klassiker auf den Kopf gehauen“ jetzt Alfred de Mussets gleichnamiges Stück aus dem Jahr 1834 inszeniert.
Alles an diesem Abend ist Spiel, große, ja ausgestellte Geste, überzogene Pose. Die Suche nach der wahren, der romantischen Liebe, Leidenschaft und Mitleid – derlei Regungen scheinen die Figuren nicht zu kennen. Wenn doch, so sehen wir nicht viel davon. Zynisch ist die Welt. Eben doch kein Spiel, sondern bitterer Ernst.
Es tritt auf: Der Narr (Oliver Seidel), den es beim Autor gar nicht gibt. Die Regie und der Dramaturg Guido Neubert haben ihn aus den Rollen des Pfarrers und des Hauslehrers zusammengesetzt. Er wienert die Krone des Barons, baggert derweil Rosette an, die verträumte und daher meist ein wenig weltentrückt dreinschauende Schönheit vom Lande, pfeift ein Liedchen und gönnt sich hin und wieder einen Schluck aus der Rotwein-Pulle seines Herrn. Wie er kommt auch der Baron (Michael Becker) betont frohgemut daher. Ebenfalls pfeifend greift er Rosette zwischen die Beine – das darf der Narr natürlich nicht – und füttert den Spaßmacher, sobald der den Mund aufreißt, mit Bonbons aus den Taschen seines Leopardenfellimitatmorgenmantels (Kostüme: Mirjam Henriette Benkner). Dann fegt der Baron den Narren mit ein paar beiläufigen Handbewegungen und Gefasel von Einsparungsmaßnahmen hinaus: „Du bist nicht mehr witzig, Narr. Du bist entlassen.“
Ist auch das nur Spiel? Alles ist Theater bei Claessen in Cottbus. Schon der Schauplatz zeigt das an. Ins schwarze Bühnengeviert hat Mathias Rümmler einen an ein Kasperletheater erinnernden, drehbaren Guckkasten gesetzt. Als sein Vorhang beiseite geschoben wird, erblicken wir ein Zimmer voller Kuscheltiere. Keine schlechte Idee. Schließlich sollen im Stück ja „die Kinder“ miteinander verheiratet werden.
Doch obwohl der Baron das Zusammentreffen seiner Nichte Camille (Johanna Emil Fülle) mit Perdican (Jan Hasenfuß), seinem Sohn, trefflich in Szene setzt, sind die beiden „sehr kühl miteinander“. Oder sie geben sich eben nur so. Camille, die sich ihrer Reize sehr bewusst ist, findet zwar Perdicans Briefe, die sie mit verklärtem Auge und einem warmen Lächeln anzusehen scheint, doch ihre Liebe wird sie ihm nicht gestehen. Deshalb macht der sich an Rosette ran. Im Ernst oder zum Schein?
Was er wirklich fühlt, was er will, wissen wir nicht. Im Grunde gilt das für alle Figuren. Ausnahme bleibt allein Ariadne Pabsts Rosette. Dass sie das böse Spiel nicht ertragen kann und ihrem Leben ein Ende setzt, legt schon der Anfang nahe. „Ihr Freunde, wenn ich sterbe“, sagt sie da, „pflanzt mir eine Weide auf mein Grab.“ Gewiss wird das niemand tun. Und wenn , so kaum mit einem wahren Gefühl.
(Von Martin Stefke)
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