| KRITIK: |
Lausitzer Rundschau vom 2.5.2009 Hartmut Krug |
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Unterrichtsstoff: Sex (praktisch)
„Eine „Feierstunde mit Musik“ nennt der ehemalige Cottbusser Dramaturg Bert Koß sein Stück, das mit vielen Songs, Raps und und Balladen „für alle ab 12“ gedacht ist. Es ist ein Stück für Schüler, gespielt von Schauspielern und Schülern, das in der Schule spielt. Durchgespielt wird die auch im Jugendtheater oft behandelte und altbekannte Frage, wie Schule sein könnte oder sollte, damit sich die Schüler wohl und ernst genommen fühlen, - und zugleich dabei lustvoll das Richtige lernen.
Diese Inszenierung macht ihre jugendlichen Zuschauer gleich mächtig effektvoll an: Da steigt ein skurriler Animateur, den Fuchspelz über der Schulter, die modische Schiebemütze auf dem Kopf und eine schwarze Brille auf der Nase, aus Bühnennebel-Schwaden auf die Bühne. Wenn er dreimal an den Eisernen Vorhang geklopft hat, hebt der sich für eine leere Spielfläche mit verschiebbaren Quadern. Der angestrengt reimende „Platzmann“ bringt das Publikum mit einem Frage-Antwort-Spiel in Stimmung und verkündet: „Diese Show ist für Lehrer verboten.“ Deshalb müssen alle Lehrer aufstehen und das Theater(parkett) verlassen, - vom Rang aber dürfen sie zuschauen.
Dann kommt Thomas auf die Bühne, die Gitarre über der Schulter und seine Mutter nebst Lebensgefährten im Schlepptau. Thomas muss zum fünften Mal eine neue Schule versuchen, bisher hat er sich nirgends eingefügt. Seine Mutter, eine Opernsängerin im weißen, wehenden Pelzmantel, ist ihm bei der Verabschiedung echt peinlich. Für die jungen Zuschauer aber ist sie urkomisch, wenn sie ihre mütterlichen Sorgen in einer veritablen Arie ausdrückt. Wenn allerdings Thomas (sehr beweglich: Roland Schroll) seinen Welt-und-Schul-Schmerz zur Gitarre singt, denn „alle Leute rennen im Kreise in einer bösen, kalten Scheinwelt“, wird's eher klischeehaft. Doch dann stürmt die Schülerschar ganz in uniformem Weiß auf die Bühne, und das Theater geht richtig los.
Die Choreografin Annalisa Canton hat das Ensemble aus 14 Schauspielern und zwölf jugendlichen Laien zu einer bewegten Einheit geformt und führt es immer wieder in effektvollen Gruppenarrangements zusammen, in die Regisseur Mario Holetzeck komisch charakterisierende Schauspieler-Szenen einbaut. Wie hier einzelne Personen ins und im Gruppenspiel geführt werden, ist so witzig wie absolut sehenswert. Musik, Bewegung, Konflikte und Figurencharakterisierungen ergeben eine herrliche erste große Konfrontationsszene, in der Thomas, die bisher angepasste Schülerschar und der Lehrkörper aufeinandertreffen. Ihr Ergebnis: Der Direktor will einen Unterricht erproben, der von den wahren Bedürfnissen der Schüler ausgeht. Mit Themen wie „Drogen nehmen, aber richtig“, „Tagelang Chillen und trotzdem keine Langeweile“ oder „Ficken“, das auf Einspruch der Lehrer auf „Sex (praktisch)“ geändert wird.
Vorschläge der Lehrer
Die zu großen Teilen zunächst protestierende Lehrerschar liefert auch Vorschläge wie „Reich und berühmt ohne Talent und Fleiß“ oder „Richtiger Einsatz von Schusswaffen im Straßenverkehr“, und so ist von Beginn an klar, was das Stück uns erzählen will: dass nämlich ihre gewünschten Fächer die wahren Bedürfnisse der Schüler nicht bedienen können. Immerhin gelingen dem Regisseur und seinen Darstellern hinreißend komische Spielszenen: so, wenn im Drogenunterricht alle mit körpergroßen Joints hantieren, oder wenn im Sex-Unterricht aus aufgeregter Neugier und Aktivität Scham und Schüchternheit werden. Und wie die mit schrecklichen Pullundern, mit roten Haaren und mit Brillen verunstalteten Bernd Stichler und Gunnar Harms als Lehrer Ekel 1 und Ekel 2 aggressive Kotzbrocken spielen, während Johanna Emil Fülle an den Keyboards oder inmitten der Schülerschar als von allen geliebte Lehrerin Fräulein Schulz agiert, zeigt in der Übertreibung schön-schreckliche Lehrerporträts.
Der Autor Bert Koß verheddert sich allerdings, wenn er seinem aufklärerisch-realistischen Problemstück surreale Szenen von künstlicher Mehrdeutigkeit einzuziehen sucht. Wenn da eine Schülerin und der Direktor in Liebe zueinanderfinden oder wenn eine Pistole zum Einsatz und die Lehrer zu Tode kommen (was der Regisseur durch einen anderen, ebenso wenig einleuchtenden optimistischen „Vorwärts zu“-Schluss ersetzt), wenn mal eben die Drogenproblematik ohne deutliche Haltung kurz angespielt wird, dann überzeugt das Stück nicht.
Auf Tempo gesetzt
Aber gegen die etwas behäbige Erzählweise des Autors setzt der Regisseur mit großem Erfolg auf Tempo, auf bewegte Gruppenszenen und auf zugespitzte, in die Karikatur gehende Figurenzeichnungen, vor allem aber auf die Live-Musik. Teils stammt sie von Jugendlichen, die sie auch vortragen, teils sind es bekannte Songs von u. a. Fettes Brot, den Toten Hosen, Prince oder Pink Floyd, die Hans Petith eingerichtet hat. Auch wenn sie manchmal etwas rumplig klingt, bringt sie das junge Publikum enorm in Stimmung. So wie die publikumswirksamen Liebesverwirrszenen: Ariadne Pabst spielt eine wunderbar kesse und selbstsicher aufdringliche Bianca, Kathrin Victoria Panzer eine schüchtern selbstsichere Anja, und Benjamin Mergarten begeistert als Christian, der sich spielerisch in eine Ratte verwandelt. Publikumsliebling aber ist Oliver Seidel als der dickliche Monster: Der ungemein bewegliche Schauspieler zeigt viel komisches Talent.
Dieser Versuch des Staatstheaters Cottbus mit einem Jugendstück der großen Form hat sein Publikum deutlich begeistert. Es war ein Abend von spielerischem Witz und Glanz. Mit einem hinreißenden Ensemble, in dem die jugendlichen Laien nicht laienhaft authentisch wirkten, sondern sich einfach wie selbstverständlich ins Spiel einfügten.
Neue Antworten vermittelt der Abend zwar nicht, aber er stellt die alten Fragen auf höchst unterhaltsame Weise. So kann Theater gut tun.
Also: hingehen, wenn man kein Lehrer ist.
Von Hartmut Krug |