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Neues Deutschland vom 04.12.2010 von Thomas Bruhn |
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Zwischen Wir und Ich
Mario Holetzeck in Cottbus: Schauspieldirektor und Regisseur
König Lear erlebte vor ein paar Tagen am Staatstheater Cottbus in der Regie Mario Holetzecks eine begeistert gefeierte Premiere. Lear ist ein schwieriges Stück. Vielen Theaterleuten gilt es als unspielbar; vielen Theaterbesuchern als vertrackt, zu lang und der Verdauung schlecht bekömmlich.
Wenn es dennoch gelang, einen Lear auf die Bühne zu bringen, bei dem Zuschauern mehr als einmal der Atem stockt, und man trotz der Länge der Vorstellung nicht in Versuchung gerät, auf die Uhr zu schauen, muss etwas Besonderes geschehen sein. Holetzeck, in einem Interview nach dem Geheimnis seiner Inszenierungserfolge gefragt, antwortete: »Stille«. Und ergänzte nach kurzer Überlegung selbst: »Es gibt keins.« Beide Aussagen treffen zu.
Zwei Wochen vor der Premiere probiert das Ensemble im Malsaal den fünften Akt, von der Szene bei Dover vor der Schlacht zwischen Engländern und Franzosen bis zum bitteren Ende, als Lear das eigene Herz bittet, nun endlich, nach all dem Elend, zu brechen.
Im Raum steht der wichtigste Teil des Bühnenbildes: die Schräge. Auf der großen Bühne wird die Schräge gedreht, hier laufen Regisseur, Souffleuse, Regieassistentin, Dramaturgin und Schauspieler drum herum, um nach einem Szenenwechsel auf der richtigen Seite zu stehen. Die Probe dauert vier Stunden, es kommen etliche Runden zusammen. Nur die Musiker haben das Privileg, sich nicht von der Stelle rühren zu müssen. Der Boden der Schräge ist mit rotem Granulat bedeckt, es gibt kaum Requisiten, die Probenkostüme muten asiatisch an. Die Schauspieler tragen Shinais, japanische Bambusschwerter. Draußen regnet es, drinnen verbreitet Neonlicht den Charme einer Werkhalle. Man braucht Fantasie, um sich die Szenen auf großer Bühne und als Teil eines Ganzen vorzustellen.
Die Texte sind bereits gearbeitet, die Beziehungen der Figuren zueinander geklärt, Haltungen angelegt, die Kampfszenen einstudiert; es geht vorrangig um Tempi, technische Abläufe, Rhythmus und um Details. Nichts wird dem Zufall überlassen. Feinschliff. Edmund versichert Reagan ihre Treue. Goneril und Albany kommen hinzu. Goneril, trotz Eifersucht auf ihren Schwager Reagan, appelliert: »Schließt euch zusammen gegen unsren Feind. Für das, was wir zu Hause auszufechten haben, ist das hier nicht der Platz.«
Holetzeck ist zufrieden mit dem, was er sieht, lacht und sagt: »Das war sehr gut – wir machen es nochmal«. Es wird konzentriert gearbeitet, bis jede Geste, jeder Blick sitzt und jeder Tonfall stimmt. Nebenbei kaum ein überflüssiges Wort. Schon ist einiges von der Spannung zu spüren, die der Inszenierung eigen sein wird. »Normalerweise ist die Atmosphäre in den Proben viel offener, aber ich war zwei Wochen krank, die Zeit ist knapp und so sind alles sehr angespannt«, sagt Holetzeck.
Worum geht es im Lear? In der zweiten Szene des ersten Aktes stellt der König seinen Kindern die Frage, die den Motor des Trauerspiels in Bewegung setzt: »Da ich mich jetzt enthalte: vom Regieren, vom Interesse /An Besitz, von jeder Art von Politik – /Wer von euch drein liebt mich nun am meisten. / Damit, wie Natur und Verdienst es fordern, der größte Anteil dorthin / geht.«
Diese – mit Verlaub, Majestät – dusselige Frage zeitigt fatale Folgen. Liebe gehört zu den unwägbaren Dingen des Lebens. Man kann sie weder kaufen, noch kann man sie einfordern, man kann sie nicht teilen und nicht kitten, man kann sie – wie auch den Hass – nur lebend durchmessen, verschenken und dankbar empfangen.
Eines seiner Kinder über die anderen erheben zu wollen und ihm ein größeres Stück vom Kuchen zuzugestehen, erweist sich als schicksalhafter Fehler. Lears Ignoranz und sein Nichtwissen um die unbedingte Kraft menschlicher Gefühle setzten ein Drama in Gang, dessen Ende nur wenige der Protagonisten lebend erleben, und auch die nicht unbeschadet.
Die Sprache klingt wie Shakespeare und auch wieder nicht, sie ist modern, von Überflüssigem befreit und uns Heutigen gut verständlich. Sie kommt konzis, unprätentiös und manchmal gar flapsig daher, kann ob ihrer Sprödigkeit aber auch grausam zuschlagen und verletzen, gleich einem Shinai. Die Übersetzung hat Werner Buhss besorgt. Aus dem Text hat Holetzeck eine eigene Fassung entwickelt.
Auf die Frage, warum Lear, antwortet der Regisseur und Schauspieldirektor: »Das Grundmotiv für diese Spielzeit ist das Thema Heimat. Was ist Heimat, wie nimmt man sie wahr? Auf den Lear sind wir eher nebenbei gekommen: Wie ist das, wenn du ein Reich hast, das dir Heimat ist und gut funktioniert, du dir eines Tages aber eingestehen musst, als Königin und Mutter Fehler gemacht zu haben und nun die fixe Idee gebierst, mit der Aufteilung des Reiches an deine Kinder alles wieder gut machen zu können, und damit das Reich und die Heimat, die innere und die äußere, zerstörst? Das ist das Phänomen, das mich interessiert hat.« In dieser Aussage ist auch der Grund versteckt, warum Lear bei Holetzeck eine Frau ist: Weil wegen des besonderen Verhältnisses zwischen Mutter und Tochter eine weitere Dimension und zusätzliche Spannung ins Spiel kommt.
Aber Lear ist natürlich auch eine Herausforderung für Regisseur und Ensemble. Mit jeder Zeile, die Holetzeck las, wurde sein Ehrgeiz angestachelt. Er suchte die Herausforderung regelrecht, suchte den unsicheren Boden unter den Füßen und zog selbst die Möglichkeit des Misslingens in Betracht: »Am Lear sind schon ganz andere gescheitert«, sagt er ein wenig kokett grinsend, und nimmt so den Brocken leichter, als er ist.
Wie schon bei »Fräulein Julie« und beim »Schimmelreiter« möchte er an den Punkt kommen, an dem Wissen aufhört und nur noch eine Ahnung von den Dingen des Lebens bleibt; an den Punkt, wo Mutmaßungen und Unschärfe nur noch durch Kunst darstellbar sind.
Wenn er spricht, wechselt er ständig zwischen »Wir« und »Ich«. Damit verrät er etwas von seiner Arbeitsweise: Er sucht sich das Stück oder einen Stoff und beschäftigt sich lange im stillen Kämmerlein damit. Erst, wenn er eine Inszenierungsidee oder einen ästhetischen Ansatz gefunden hat, geht er zur Dramaturgie und sagt: »Hier ist das Stück, und hier ist die Besetzung.« Ist dann das Bühnenbild entworfen, beginnt er die Szenen auszuarbeiten. Zum Probenbeginn hat er die fertigen Bilder im Kopf. Er bereitet sich akkurat und fleißig vor, weiß genau, was er will, weiß wie's aussehen und wie sich die Texte anhören sollen.
Holetzeck achtet die Arbeit der Kollegen, keiner und nichts wird geringgeschätzt.
Foto: Marlies Kross
Bei der Probenarbeit kommen die Ideen der Schauspieler hinzu. Er braucht die als Bereicherung, als andere Sicht, als Korrektiv der eigenen Arbeit. »Das ist besonders wichtig, wenn man am Anfang einer Arbeit steht, wenn man sucht und noch unsicher in Stück und Stoff ist.«
So wie er die Kritik auf der Bühne braucht, wünscht er sie sich als Schauspieldirektor, als Chef. Denn er hat Angst davor, ein kleiner Herrscher zu werden und von der Wirklichkeit abzuheben. Aber selbst an einem Theater ist es nicht jedermanns Sache, eine andere Meinung als der Chef zu haben und diese zu vertreten. Holetzeck aber lebt vom Widerspruch, braucht ihn wie die Luft zum Atmen, stellt sich und die eigene Arbeit ständig in Frage, ist immer auf der Suche.
Er habe in seiner Laufbahn am Theater viele Regisseure erlebt, die sich wie wild gebärdet haben, den großen Zampano heraushängen ließen und Schauspieler und Kollegen vom technischen Personal anbrüllten – so einer wollte er nie werden. So einer ist er nicht.
Die Fähigkeit zur Antizipation und zur Ensemblearbeit verrät den Profi und lässt einige Lebenserfahrung ahnen.
Holetzeck stammt aus Greiz, war mit fünfzehn aus dem Haus, arbeitete unter anderem als Zootierpfleger, Hafenarbeiter, Postbote, Fensterputzer, Telegrammzusteller, Reinigungskraft, Nachtwächter und Paketzusteller. Eines Tages, als ihm nichts mehr einfiel, wie er untertreibend sagt, bewarb er sich an der Hochschule Ernst Busch, studierte Schauspiel und Theaterwissenschaft und hängte ein Studium der Regie, unter anderem bei Jürgen Flimm in Hamburg, dran. Er hat das Handwerk des Schauspielers und das des Regisseurs gelernt. Das ist mehr, als viele seiner Kollegen von sich behaupten können.
Beim Besuch einer Probe fällt der besondere Ton im Theater auf, der Grundton: behutsam, leise, sachlich, voller Humor und Witz. Die Arbeit der Kollegen wird beachtet und geachtet, keiner und nichts geringgeschätzt. Dieses Zu-Hause-Sein in den Dingen des Theaters, die sichere Beherrschung des Handwerks und der künstlerischen Mittel, macht diese Freundlichkeit möglich. Für das stete Infragestellen, das Nie-Zufriedensein und das Suchen braucht es Spaß und erträgliche Leichtigkeit des Seins.
Als die Stelle des Schauspieldirektors in Cottbus frei wurde, haben die Schauspieler Mario Holetzeck gefragt, ob er kommen wolle und könne. Er wusste um die Qualität des Ensembles und sagte zu. Ein solcher Glücksfall ereignet sich selten.
Von Holetzeck sagt man, dass er am Tag gut, und vor allem gern, vierundzwanzig Stunden arbeitet. Es stimmt nicht – es kommen fünfundzwanzig zusammen. Er ist ein Besessener – einer von der angenehmen Sorte, wie Kollegen aus dem Theater betonen. Was ihn treibt? Er kann es nicht recht erklären. Vielleicht ist es die Sehnsucht, Dinge zu leben, die in diesen Zeiten nur schwer lebbar sind.
Zwei Tage nach der Probe im Malsaal sehe ich dieselben Szenen auf der Bühne, die sich nun dreht. Unterdessen wurde ausgeleuchtet, und das Bühnenbild ist komplett. Manches von dem, was im Malsaal probiert wurde und dort funktionierte, muss über den Haufen geworfen werden. Es gibt Probleme mit den Fackeln, und ein Teil des Bühnenbildes muss versetzt werden, damit sich der eiserne Vorhang im Notfall ungehindert schließen kann. Trotz des Zeitdrucks kein lautes Wort und keine Hektik.
Am Ende der Probe geht Mario zu seiner Lear, die mit Tränen in den Augen auf der Bühne geblieben ist. Ich weiß nicht, warum sie weint. Ich weiß nicht, was sie sprechen. Es geht mich nichts an. Aber ich sehe die beiden im Scheinwerferlicht sitzen. Es ist ein Bild von Vertrautheit, ja fast von Zärtlichkeit, die beide offenbar brauchen nach dieser Schlachterei.
Wenn es doch Geheimnisse hinter den Erfolgen Holetzecks gibt, dann diese: Bedenken und tiefes Durchdringen des Gegenstandes und kollektive Arbeit, was so viel mehr ist, als im Team einen Job zu machen.
Später, bei der Premiere wird es mir egal sein, ob Lear Mann oder Frau ist, egal, welche Figuren noch Geschlechtsumwandlungen erfahren haben. Es wird egal sein, wann und wo und wer Intrigen spinnt und wer wen umbringt. Die Aussage ist universell: In jedem von uns schlummert alles, aber es ist allemal besser zusammenzuarbeiten als gegeneinander. Miteinander ist Menschen–, Konkurrenz ist Tierreich.
»Hättet ihr halb nur soviel, als jetzo, einander zu stürzen, Euch zu erhalten getan: Glücklich noch wärt ihr und frei.« Dieser Satz aus Kleists Hermannsschlacht könnte als Moral am Ende von Shakespears König Lear und am Beginn einer jeglichen menschlichen Unternehmung stehen.
Das Ensemble des Theaters Cottbus lebt und spielt es uns vor. Chapeau! |
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Lausitzer Rundschau vom 16.11.2010 von Thomas Seifert |
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Shakespeare zieht das Schwert am Staatstheater Cottbus
COTTBUS Im Staatstheater Cottbus hat am Samstag, 20. November, um 19.30 Uhr, William Shakespeares „König Lear“ in der Fassung von Regisseur Mario Holetzeck Premiere. Um die Kampfszenen in der Inszenierung, die viele Elemente aus japanischen Kriegskünsten enthält, kümmert sich Kampfchoreograf Gunnar Helm (54).
Proben zum „König Lear“ in Cottbus: Kampfchoreograph Gunnar Helm (l.) lehrt die Kunst des Schwertziehens. Foto: Thomas Seifert/ths1
Gunnar Helm mag Japan. Er ist fasziniert, wie reduziert, und dadurch ausdrucksstark, die japanische Kunst in ihren Formen beispielsweise in Malerei und Architektur ist. Verzicht scheint ein japanisches Thema zu sein. »Kunst braucht Geheimnisse«, sagt Helm, der in Berlin wohnt und wegen der Proben zu »König Lear« für einige Tage ist Cottbus ist. Mit der Liebe zum Land der aufgehenden Sonne flammte auch seine Leidenschaft für japanische Kampfkünste auf. Iaido heißt die Kriegskunst, die Gunnar Helm den Statisten und Schauspielern am Staatstheater Cottbus zurzeit beibringt. Es ist die Kunst, das Schwert zu ziehen. Es ist eine der ältesten Kampfkünste, die es in Japan gibt. Helm betreibt sie seit mehr als 20 Jahren, war bei einem japanischen Meister in der Schule.
Kunst des Schwertführens
In der Kamakura-Zeit (1185 bis 1333) hatten die Schwerter und die Künste der Schwertführung wegen der politischen Situation im bürgerkriegsgeschüttelten, feudalen Japan ihre Blütezeit. Es entstanden viele Schulen, die eigene Kriegskunststile unter anderem auch Iaido entwickelten. Damit wurden Krieger auf verschiedene Situationen in den lang andauernden Kämpfen vorbereitet. Ziel der Iaido-Kampfkunst war es, ermüdende Auseinandersetzungen durch einen unmittelbaren Angriff zu vermeiden oder plötzlichen Attacken effektiv begegnen zu können. Die Vorläufer der heutigen Iaido-Stile sind im mittelalterlichen Japan entstanden. Alles basierte auf dem Gedanken, einen technischen Vorteil gegenüber einem Kontrahenten zu erlangen, der mit herkömmlichen Schwerttechniken ebenbürtig oder gar überlegen wäre. Dieser Vorteil bestand darin, dass man sein Schwert schneller zog als der Gegner und ihn schon bei der ersten Bewegung des Schwertes schwer verletzte.
»Als nächstes Krieg« sagt Gunnar Helm und klatscht in die Hände. Auch Paul Marwitz (21) und Felix Reimer (20), beides Statisten bei »König Lear«, greifen nach ihren hölzernen Übungsschwertern und bringen sich in Position. Einer greift an und einer wehrt ab. Holz kracht auf Holz. Die Schläge der Iaitos, so heißen die Schwerter der Iaido-Kämpfer, sind laut zu hören, wenn die Soldaten der Herzogin von Cornwall (Ariadne Pabst) auf die Soldaten von Lear, Königin von Britannien (Heidrun Bartholomäus) treffen. Japanische Kampfkunst mischt sich in Regisseur Mario Holetzecks Inszenierung mit Shakespearescher Tragödie.
Sehr eigene Interpretation
Auch sonst gestaltet und interpretiert Holetzeck vieles anders an William Shakespeares Vorlage und bringt damit eine sehr eigene Version dieses Stückes auf die Bühne im Großen Haus. Bei ihm wird Lear zur Frau, zur Königin von Britannien, die am Zenit ihrer Macht beschließt, ihr Leben zu ändern. Viele Jahre hat sie streng mit Gewalt regiert. Dabei blieb wenig Zeit für ihre Kinder. Tochter Goneril (Johanna-Julia Spitzer) und Sohn Reagan (Oliver Seidel) haben mütterliche Liebe nie gespürt. Lediglich zum jüngsten Sohn Cordo (Roland Schroll) konnte Lear eine liebevolle Beziehung entwickeln. Doch nun will die Mutter das Versäumte nachholen und ihre Macht an die Kinder abtreten. Das Land soll unter ihnen aufgeteilt werden. Doch zuvor fordert sie von ihren Kindern deren Liebesbeweis. Überrascht und hilflos finden Tochter Goneril und Sohn Reagan Worte, mit denen sie sich ihres zugedachten Anteils am Heimatland scheinbar würdig erweisen. Nur Lears Lieblingssohn Cordo verweigert die befohlene Liebesbekundung und zieht durch sein Schweigen den Zorn der Mutter auf sich und wird verbannt.
Die Tragödie mündet in Machtkämpfe, für die Gunnar Helm die Statisten und Schauspieler fit macht. Bewegungen werden einstudiert und wiederholt. Kein Schritt, kein Schwertziehen ist zufällig. Dabei vermittelt Helm seinen Schülern auch die Philosophie des Schwertkampfes: »Der beste Kampf ist der, der nicht stattfindet.« Doch Shakespeare ohne Kampf - das geht nicht. ths1
Von Thomas Seifert |
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Lausitzer Rundschau vom 19.11.2010 |
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Ensemble am Rande des Nervenzusammenbruchs
COTTBUS Ein greiser, eitler König will sein Reich unter seinen drei Töchtern aufteilen: die Größe des Erbes richtet sich nach der Größe ihrer Liebesbekundungen.
Ein Lippenbekenntnis, das die beiden ältesten routiniert abliefern, während die jüngste schlicht erklärt: ihre Liebe brauche keine großen Worte. Wofür sie unversehens verstoßen wird. Am Ziel ihrer Wünsche versuchen die älteren Schwestern, sich des entmachteten Vaters zu entledigen. Im Angesicht des fatalen Irrtums wird König Lear wahnsinnig.
Der große Dramatiker Samuel Beckett hat das Stück für nicht inszenierbar erklärt. Regisseur Mario Holetzeck ist absolut derselben Auffassung. Die Handlung ist so komplex, die Beziehungen der Figuren derart verwoben, dass jede Umsetzung eines der schwierigsten, besten Stücke der Weltliteratur auf das Theater ein Maß an Größenwahn oder immense Leidensfähigkeit erfordert. Als wäre das nicht genug ,bringt Holetzeck hier seine eigene Fassung auf die Bühne: Lear ist eine Frau.
Die Hauptrolle der Lear spielt als Gast Heidrun Bartholomäus.
Frau Bartholomäus, Lear gilt als Schauspieler-Albtraum. In der Rolle ist man (oder eben frau) entweder grandios oder scheitert gnadenlos . . .
Heidrun Bartholomäus: . . . genau so. Es war mein Traum, noch mal einen großen Shakespeare zu spielen. Aber Lear . . . die fordert alles, drunter geht's nicht . . .
Sie waren schon einmal in Cottbus engagiert, in den 80ern waren Sie festes Ensemblemitglied, von Publikum und Kritik gefeiert. Wie sind Sie zurückgekommen?
Heidrun Bartholomäus: Los ging es mit einer Schwangerschaftsvertretung. Dann gastierte ich bei Holetzeck in der »Trilogie der Träume«. Dann kam ein Anruf von ihm: »Es wäre der Lear!« Ich war baff. Und dann brach innerer Jubel aus. Das war vor einem halben Jahr. Seitdem beschäftigt sie mich, DIE Lear.
Konnten Sie zu jedem Zeitpunkt etwas mit Holetzecks Konzept anfangen?
Heidrun Bartholomäus: Mit Mario bin ich inzwischen zu allen Schandtaten bereit. Wenn der etwas sagt, hab ich Vertrauen und verrückt ist ja, dass die Geschichte genau so jetzt stimmt. Die Konstellation kennen doch viele: Dass man arbeitet und arbeitet, sich selber vergisst, hart wird. Plötzlich sind die Kinder erwachsen, ist einem das eigene Leben entglitten. Die Türen, in die Lear dann eintritt, kann man Wahnsinn nennen- aber vielleicht ist es nur eine Flucht aus einer Realität, die man nicht erträgt. Und das ist Shakespeares Stück.
Wie ist es, zurück in Cottbus zu sein?
Heidrun Bartholomäus: Es ist eigentlich wie es war - man ist nur 25 Jahre älter geworden- und diese Jahre sind an niemandem spurlos vorbei gegangen. Heute bin ich selbstbewusster, ich weiß, was ich kann. Dieses Theater habe ich immer geliebt. Ich habe hier große Rollen gespielt, Iphigenie, Franziska Linkerhand. Das hier waren die heiligen Hallen. . . Und das Publikum ist unglaublich treu, die erkennen mich heute noch auf der Straße.
Sie wirken äußerlich erstaunlich gelassen vor dieser Aufgabe. Wie geht es Ihnen jetzt vor der Premiere?
Heidrun Bartholomäus: Ich bin so angespannt wie noch nie. Versuche meine Kraft einzuteilen. So eine Rolle habe ich noch nie im Leben gespielt. Und wenn ich nicht bis an die absoluten Grenzen gehe, klappt es nicht.
Endspiel einer Königin
Mario Holetzeck, wann war Ihnen klar, dass Lear eine Frau sein muss?
Mario Holetzeck: Sehr früh. Das Thema Abgeben von Macht - da kam ich auf eine Frau, etwa in den Wechseljahren, die sich plötzlich als Mutter sieht, plötzlich auch fragt, ob sie eigentlich noch eine Frau ist. Wir haben am Anfang überlegt, das sehr aktuell zu machen, aber das wäre gleich dicht bei Angela Merkel gewesen. Da wollte ich lieber eine Überhöhung, wie im »Schimmelreiter«: eine eigene Welt schaffen.
In Ihrer Inszenierung spielt das Thema Liebe eine zentrale Rolle, weit über den Originaltext hinaus. Warum?
Mario Holetzeck: Ich wollte wissen, was Menschen dazu bringt, so zu handeln, wie sie es tun. Warum Kinder hart und lieblos werden. Warum eine Frau ein so hartes Regime führt, obwohl sie genau das nicht beabsichtigt: der bessere Mann sein zu wollen. Deshalb zieht sich dieses Liebesthema bei uns durch, habe ich versucht, es in jede Figur einzubauen.
Shakespeare zeigt einen greisen Herrscher, der über die Lieblosigkeit seiner Töchter wahnsinnig wird . . .
Mario Holetzeck: . . . genau dieser Aspekt der Altersdemenz hat mich NICHT interessiert. Vielmehr die Vorstellung: Wie ist das, wenn ein Politiker sich bewusst zurückzieht und versucht, alles andere nachzuholen. Zum Beispiel die Liebe zu seinen Kindern. Aber das geht gar nicht mehr. Da taucht das Wahnsinnsmotiv zwar zwischendurch auf- aber zum Schluss ist Lear völlig klar. Dafür bemerkt sie, dass die Macht ihren Tribut gefordert hat, dass sie schuldig geworden ist. Alle Kinder sind tot und sie weiß, sie hätte sie retten können. Der uralte Katharsiseffekt tritt ein- aber zu spät. Sie hat sich schuldig gemacht- und da ist es schon wieder egal, ob Mann oder Frau.
Sind Sie in puncto Liebe zu einem Schluss gekommen?
Mario Holetzeck: Ja. Wenn man Liebe nicht zum richtigen Zeitpunkt gibt, ist sie verloren. sbk1 |