KASIMIR und KAROLINE
Ödö von Horvàth

Regie: Bettina Jahnke

Rolle: Eugen Schürzinger


Oliver Seidel (Schürzinger),
Serena Gruß (Karoline)
Foto: Marlies Kross

Inhalt: Amüsement ist angesagt auf dem Münchener Oktoberfest. Doch während Karoline fröhlich ein Eis schleckt und den vorüberschwebenden Zeppelin bestaunt, kommt bei Kasimir keine so rechte Freude auf. Ihm wurde seine Stelle als Chauffeur gekündigt. Als er beginnt, die Liebe von Karoline zu ihm, dem nun Arbeitslosen, in Zweifel zu ziehen, wirft sich die dadurch Gekränkte um so stärker ins Vergnügen. Auch ohne ihren Kasimir. Schnell findet sie in Schürtzinger einen Begleiter für die ersehnte Achterbahnfahrt und flirtet mit dessen Chef, der sogleich ein Auge auf sie wirft. Während der missmutige Kasimir von dem Kleinkriminellen Merkl in seiner Skepsis bestärkt wird, kreuzen sich immer wieder die Wege der beiden Verlobten. Doch jedes Lachen, das Karoline einem ihrer Begleiter schenkt, bestätigt Kasimir in seiner Haltung. So stirbt zwischen Achterbahn, Hähnchenbraterei und Abnormitätenkabinett Schritt für Schritt die „kleine Liebe der kleinen Leute". Vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise von 1929 zeichnete der bekannte österreichische Dramatiker Ödön von Horváth Figuren, die unserer Zeit sehr nahe sind. Fast beiläufig gewinnen bei ihnen Zerstreuung und oberflächliche Vergnügung die Oberhand über ihre tiefen Gefühle und wahren Träume, so dass sie sich selbst nicht wiederfinden: „Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich – aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wäre man nie dabei gewesen." (Karoline) [Quelle: www.staatstheater-cottbus.de]

Nächste Vorstellungen: abgespielt

abgespielt !!!

 

KRITIK: Lausitzer Rundschau, Märkische Allgemeine Zeitung

 

Mit gebrochenen Flügeln

Es ist doch immer wieder eine Freude, wenn Theater zu überraschen vermag. Also jene, die da inszenieren, spielen, für Ausstattung, Musik sorgen, mit einer Vorstellung aufwarten, von der man sich rundum angesprochen fühlt. Wo zu spüren ist, dass Schauspieler gut motiviert und intensiv bei der Sache sind. Diesen Eindruck jedenfalls vermittelt die Premiere von „Kasimir und Karoline“ in der Kammerbühne vom Staatstheater Cottbus.

Ein Eindruck, der sich im Nachdenken darüber vielleicht noch etwas relativiert, aber letztlich doch Bestand hat. Regie führte Bettina Jahnke. Die sich bald schon wieder verabschiedet von Cottbus, aber nun mit besseren Empfehlungen. Das mit Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 entstandene Stück von Ödön von Horváth ist keinesfalls leichte Theaterkost – wann je könnte man das von seinen Werken auch behaupten. Und die Inszenierung hält sich an die Vorgabe des Autors, dieses sei ein Volksstück, erzählt die Geschichte ohne große Irrwege mit verknappten Schicksalszeichnungen, glücklicherweise fast frei von regionalen Verkleisterungen. Der „abgebaute“ Kraftkutscher Kasimir, ausgestoßen aus dem Erwerbsgefüge der Gesellschaft, fühlt sich am Rande des Oktoberfestes von seiner Karoline verraten und verlassen. Beide stolpern ihrem Unglück – im Streit, verführt, gekauft, enttäuscht - mehr oder weniger aufrecht in die Arme, finden schließlich in neuer Anbindung ein Stückchen Frieden. Dazu der lakonische Kommentar von Horváth: „Solange wir uns nicht aufhängen, werden wir nicht verhungern.“
Wenn Ödön von Horváth von einem „Volksstück“ spricht, dann meint er es auch. Seine Stücke sind fürs Volk, erzählen von den kleinen Leuten. Wie sie dem Glück hinterher jagen, auf Daseinswogen reiten, mal etwas weiter oben, dann wieder unten oder ganz und gar in der Gosse sind. Er selbst hat sich als einen Heimatlosen gesehen, war ein genauer Beobachter dessen, was man Zeitgeist nennt. Und bleibt schon deshalb ein Visionär. Seine Wahrheiten kommen so merkwürdig daher, dass sie einem vertraut und fremd zugleich erscheinen. „Horváth rückt vor“, schreibt Alfred Kerr 1932 im Nachdenken über die Aufführung von „Kasimir und Karoline“ im Berliner Komödienhaus, und auch über junge Dramatiker. Von den damals genannten Hoffnungsträgern ist uns heute Horváth vor allen anderen bekannt. Dank seiner „könnerischen Durcharbeit“, also „Vielfalt, Stufung, Innenklang, Fülle, Lebstarkes, Blühendes, Gekonntes“. Eben das, was Kerr deutlich dem (sehr leichten und sehr leeren) „kühnen Wurf“ vorgezogen hat.
Wer somit das „Volksstück“ heute ins Repertoire aufnimmt, legt zwangsläufig eine Zündschnur an. Mit allen Freiheiten, die dabei nur möglich sind, ebenso mit Risiken und Nebenwirkungen. Bettina Jahnke schöpft die Kraft ihrer Momentaufnahme besonders aus der Qualität der Schauspieler, und das macht deutlich auch die Stärke der Inszenierung aus. Die zudem wie der im Stück vorbei ziehende, bestaunte Zeppelin weitgehend frei gehalten ist von überflüssigen Ballaststoffen. Gundula Martin hat dafür längsseits durchgehende Spielpodien geschaffen, die mit diversen Schwingtüren und Schlupflöchern eine Art Labyrinth assoziieren. Das bringt Nähe zum Publikum, Raum für schnelle Übergänge, wie überhaupt Langeweile an diesem Abend gar nicht erst aufkommt.
Das Stück benennt zwar „Kasimir und Karoline“, aber an diesem Abend hätte es auch „Karoline und Schürzinger“ betitelt sein können, zumal in den beiden, vom Autor besonders bedachten Rollen Serena Gruß und Oliver Seidel zu erleben sind. Da lohnt es sich, nah am Geschehen dran zu sein. Letzterer spielt den Schürzinger keinesfalls als schmierigen Zuschneider, wertet ihn damit auch als Alternative auf, aber im entscheidenden Moment wählt er die Variante des beruflichen Aufstiegs. Was bestens auch zu unserer Zeit passt. Serena Gruß gibt der Karoline das Format einer selbstbewussten, für sich entscheidenden jungen Frau. Die nicht minder auf ihr Vorankommen bedacht ist. Und gerade noch Glück im Unglück hat: „Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich - aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wär’ man nie dabei gewesen.“
Ebenso spielt Gunnar Golkowski den Kasimir als gegenwärtige Gestalt, begreift nicht, was mit ihm passiert, wird zur Projektionsfläche der Energien anderer. Wobei die Rolle von Merkl Franz (Thomas Harms), der ihn in seine Machenschaften einbezieht, so überzeichnet ist, auch im Äußeren, dass ihm dabei wesentliche Nuancen verloren gehen. Susann Thiede als „dem Merkl Franz seine Erna“ - mit dem Namen ist bereits alles gesagt - prägt sich stärker ein. Wie sie da mit Kasimir verloren auf der Kante sitzt, nicht mehr die Kraft hat, an ihr kleines Stückchen Glück zu glauben oder gar es festzuhalten, ist ein berührendes Bild. Wie überhaupt die Aufführung das Allzumenschliche deutlich und sympathisch gewichtet. Wobei etwas mehr Biss nicht schaden würde. Doch alles kann man halt nicht immer haben. Da ist das Greifbare schon überraschend gutes Theater.

Von Gabriele Gorgas

 

Kritik: Märkische Allgemeine Zeitung  -  Martin Stefke

Ein beliebiges Oktoberfest Bühne „Kasimir und Karoline“ in Cottbus

Von Martin Stefke

COTTBUS Unsereins muss seine Meinung über Volksfeste nicht an die große Glocke hängen. Wir können hingehen oder nicht. Wir können stundenlang mit Riesenrad oder Geisterbahn fahren oder auch eimerweise Bier in uns hineinschütten. Oder eben nicht! Wir haben die Wahl.

Regisseure haben die natürlich auch. Wenn sie allerdings Ödön von Horvaths „Kasimir und Karoline“ inszenieren, sollten sie schon deutlich machen, was sie von solchen Volksvergnügungen halten. Sind es sinnlose Besäufnisse oder letzte Oasen einer verlorenen Zeit mit fahrenden Gauklern und jeder Menge Poesie? Auf dem Oktoberfest in München spielt nämlich das Stück. Hier will sich Horvaths Titelheldin Karoline amüsieren. Schade nur, dass ausgerechnet an diesem Tag ihr Freund seinen Job verliert.

Ja, Kasimir wird „abgebaut“. Gestern war er noch Chauffeur mit edler Karosse. Heute steht er ohne Arbeit ziemlich dumm herum. Jedenfalls in Cottbus, wo Bettina Jahnke das 1929 unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise geschriebene Stück in der Kammerbühne in Szene gesetzt hat.

Chefausstatterin Gundula Martin ließ dafür den Rand eines Vergnügungsparks bauen – einen betongrauen Winkel, dessen zweite Etage einen schmalen Gang bildet, der von hinten mehrfach und von vorn über zwei Leitern zu erklimmen ist. Unten gibt es eine Pendeltür und eine kaum einsehbare Gasse, die mal als Durchgang, mal als Pinkelecke dient. Es ist eine ziemlich abgerissene Ecke. Selbst die graffitiartig besprühten Wände mit dem wiederkehrenden Motiv eines sich küssenden Paares machen die Szenerie nicht anziehender. Sollte es wohl auch nicht. Doch das weiß man – wie so manches an diesem Abend – nicht genau.

Gunnar Golkowskis Kasimir ist von dem Verlust seiner Arbeit geradezu paralysiert. Meist starrt er ins Publikum und wenn ihm dann doch einmal ein Satz wie „Jeder intelligente Mensch ist ein Pessimist“ über die Lippen kommt, dann wirkt das, als sei ihm dieser nur so rausgerutscht. Um dieses Bild vom Droschkenkutscher als ziemlich minderbemittelten Menschen tobt ein bajuwarisch daherkommendes Ensemble: Dirndl, Hirschhornknöpfe, Wildschweinborsten, Filzhut, Maßkrug, jede Menge Alkohol, Akkordeon und Volksmusik – alles da – und dann irgendwie auch doch nicht, weil an dieser Aufführung vor lauter Klischees so wenig überrascht.

Serena Gruß hüpft als Karoline mädchenhaft und leckt, wenn sie auf der Cottbuser Wiesn nach dem Glück im Leben sucht, allzu betont lustvoll an einem Speiseeis. Die stärksten Szenen gelingen ihr, wenn sie auf den Zuschneider Schürzinger (Oliver Seidel) trifft. Weil aber Thomas Harms’ Merkl Franz und Susann Thiedes als „dem Merkl Franz seine Erna“ (O-Ton Horvath) nur als grell überzeichnete Karikaturen ihrer Figuren in den Oktobertrubel trudeln, sind auch diese schnell wieder vorbei. An die große Glocke hängen muss man das Ganze eigentlich nicht.

 

umweltzeichen der blaue engel, weil energiesparend

© 2008 by Oliver Seidel