FRÄULEIN JULIE August Strindberg
Regie: Mario Holetzeck Rolle: Jean

Szenefoto

Premiere: Samstag, 4. Oktober 2009

->Interview mit Regisseur Mario Holetzeck

Kritik:
-> Lausitzer Rundschau - Gabriele Gorgas
-> DerMärkische Bote
-> Märkische Allgemeine - Martin Stefke

Inhalt:
Julie, reiche Tochter eines großen Modezaren und gerade von ihrem Verlobten verlassen, versucht, aus dem Schatten ihres mächtigen Vaters herauszutreten. In der Mittsommernacht beginnt sie ein gewagtes Spiel mit Jean, dem Butler des Hauses. Jean seinerseits ist mit Kristin verlobt, Zuschneiderin für das Modeimperium von Julies Vater. In dem teils gespielten, teils ernst scheinenden Interesse des Fräuleins an ihm will er seine Chance sehen, dem Butler-Dasein zu entkommen. Zu dritt sollen sie fliehen, den alles beherrschenden Hausherren allein zurückzulassen und damit Julie aus ihrem goldenen Käfig befreien. Doch Julie hat Angst, in die nächste Abhängigkeit zu geraten.
Ein „naturalistisches Trauerspiel“ nannte August Strindberg sein Stück. Am zweiten Spielwut-Abend ist eher eine Mittsommernacht der Extreme zu erwarten: Zwischen erniedrigender Selbstaufgabe, maßloser Selbstüberschätzung und verletzender Hassliebe. Kurz: Ein Krieg der Geschlechter.

[Quelle: www.staatstheater-cottbus.de]

Nächste Vorstellungen:

Mittwoch 13.10.2010 19:30 Uhr
Donnerstag 28.10.2010 19:30 Uhr
Samstag 18.12.2010 19:30 Uhr


 

 

KRITIK: Lausitzer Rundschau vom 5.10.09 - Gabriele Gorgas

Hangeln zwischen Aufstieg und Fall
Diese ewig aktuelle Geschichte von August Strindberg ist voller Obsessionen. Jede der drei Personen im Spiel – der Vater ist zwar mit Stimme, doch nicht szenisch zu erleben – ist besessen von einer Idee, einem Ziel, einem Wunsch, will mit Macht und Tücke oder gar mit Liebe den Gipfel der Begierde erreichen.

Und dabei wird es zwangsläufig, egal, wie das Geschehen letztlich ausgeht, Verlierer, Enttäuschte, Verletzte geben – auch die Davongekommenen sind davon gezeichnet.
Regisseur Mario Holetzeck hat in der am Wochenende gestarteten „Spielwut“-Folge in der Kammerbühne vom Staatstheater Cottbus eine eigene Spielfassung nach dem vor 120 Jahren in Schweden uraufgeführtem Theaterstück „Fräulein Julie“ (hier in der deutschen Übertragung von Heiner Gimmler) entwickelt. Und er findet ein markantes Schlussbild, auch im Gegensatz zu anderen Erfahrungen mit diesem Werk. Während Kristin (Susann Thiede) und Fräulein Julie (Johanna Emil Fülle) mit leerem Vogelkäfig und nötigem Startkapital befreit davon eilen, um in der Schweiz ihr erhofftes Glück zu finden, versucht Jean (Oliver Seidel) diese vergeblich und drohend-flehentlich aufzuhalten. Doch er kann ihnen nicht folgen, „klebt“ am Gewohnten, Vertrauten, wagt nicht den Schritt ins Unbekannte, in die Ferne, hangelt sich an der Bühnenkante nach oben wie einer, der ums nackte Überleben kämpft.

Holetzeck hat auch Kristin, die von Strindberg mehr als eine Art Nebenfigur gedacht war, deutlich aufgewertet. Sie ist bei ihm (und schon gar nicht mit Susann Thiede) keinesfalls ein tumbes Weib, das sich willenlos dem Manne zuordnet. Mehr eine ganz normale Frau mit normalen Wünschen, die auch ihr kleines bisschen Glück festhalten will, und sei es um den Preis von Kompromissen. Doch der in der Entscheidung hilflos „hangelnde“ Jean – welch eine Metapher! – wird ihr Glück garantiert nicht begründen können. Und so geht sie mit Julie, die nicht wie bei Strindberg dem Untergang geweiht ist, sondern sich frei macht von Obsessionen und Umklammerungen. Wie weit die beiden Frauen schließlich kommen werden, bleibt offen, doch immerhin haben sie den Mut, die Veränderung zu wagen.

Die im Original-Text stark gekürzte und zugleich ergänzte Spielfassung setzt offensichtlich mehr auf Bildwirkung, denn auf allzu viele Worte. Sie bedient sich heutiger Sicht- und Verhaltensweisen, erzählt die Geschichte von Macht und Unterwerfung, Aufstieg und Fall, Traum und Wirklichkeit zuweilen drastisch, direkt, nutzt auch das Aussteigen aus Rollen zu Parallelsichten und Brechungen. In der Lesart von Holetzeck ist Fräulein Julie keine zarte, schwächelnde Natur oder gar ein „Überbleibsel“ – sie gehört zu den „starken und lebensfähigen Arten“, ist neugierig, durchtrieben, verwöhnt, beherrschend, enttäuscht, entschlossen . . . Johanna Emil Fülle spielt das mit einer gewissen Naivität, und man will (und soll offenbar auch) ihr den Vamp nicht so recht abnehmen. Erst zum Schluss, wenn sie heutig und ganz bei sich, weder beherrschend noch unterwerfend ist, kommt sie dem Publikum sehr nahe.

Die sachlich gehaltene Bühne von Hans-Holger-Schmidt hat viele Schlupflöcher zum Aus- und Einsteigen, und daraus entwickelt der Regisseur ein Spiel des Ab- und Auftauchens seiner Darsteller, gibt Raum für Fantasie und Assoziationen. Zugleich arbeitet er mit abschreckenden Bildern, die einem unangenehm aus dem öffentlichen Gebrauch bekannt sind, schafft mit dem dissonanten Spiel des Cellos, der verordneten Begehrlichkeit, Unterwerfung sowie brachialen Übergriffen die Gewissheit, dass diese Welt längst aus den Fugen geraten ist. Dazu passt die Gedichtzeile von Hilde Domin: „Wer es könnte, die Welt hochwerfen, dass der Wind hindurchfährt“.

Prägend für die Aufführung ist ebenso die von den Spielern geführte oder „abgelegt wahrnehmende“ Videokamera, deren projizierte Liveaufnahmen sich einfügen in das Gesamtbild oder auch weitere Sichtebenen öffnen. Zuweilen ist das aufschlussreich für den individuellen Blick, dramaturgisch eingebettet in Konfrontationen, dann wieder irritiert es in der Ablenkung vom Bühnengeschehen. Und passt sich somit ganz und gar der Gegenwart an – eine überwachte Arbeitswelt, die allgegenwärtige Kontrolle. Da gerät natürlich auch das Publikum ins Blickfeld.
Von Gabriele Gorgas

KRITIK: Der Märkische Bote - J. Heinrich
Fräulein Julie
Abgründe - gesellschaftliche, moralische, seelische - tun sich auf in diesem Stück von August Strindberg (1844-1912), das Mario Holetzeck (Regie) ganz in die kranke Gegenwart holt. Das Seichte bunter Blätter halten Kristin (Susann Thiede) und Jean (Oliver Seidel) für Wirklichkeit, bauen sich Träume daraus. Doch die roten Nasen zeigen: Auch sie sind nur Clowns in einer clownesken Wohlstandswelt, in die Jean gerät, um vollends zerstört zu werden. Beim Akt mit dem Cello wird er der entglittenen Würde nicht gewahr; er lässt sich in Abgründe (als Bühnenklappen installiert, Ausstattung Hans-Holger Schmidt) ziehen und bekommt am Ende, trotz krampfigen Ringens keinen Fuß auf den Boden, auf dem ihm die Frauen enteilen. Susann Thiede lässt Kristin leiden, aber nicht untergehen. Die verzogene Julie hingegen bricht aus aus ihrem Goldenen Käfig. Johanna Emil Fülle führt sie anfangs wie fremdgesteuert vor. Ihr Aufbegehren gegen väterliche Hut führt durch Niederungen in Hoffnung. Es sind genau gezeichnete Charaktere, die sich in diesem kleinen Stück verändern, die uns ähnlich sind. Kommen wir nicht gar vor im Stück? Irrlichternde Camcorder-Bilder vermischen Spiel und Realität. Nachdenklichkeit bleibt. Und es gibt viel Beifall.
„Spielwut“ in der Kammerbühne ist sehr nahes Theater. Sehr sehenswertes.
KRITIK: Märkische Allgemeine vom 13.10.09 - Martin Stefke

Regisseur Mario Holetzeck trimmt August Strindberg im Cottbuser Staatstheater flockig auf Gegenwart

COTTBUS - Mario Holetzecks Interpretation von August Strindbergs „Fräulein Julie“ in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus trifft schon den Kern des Stückes. Die Frage ist nur: Wollen wir es so sehen? Ja, können wir die anderthalb Stunden, in denen der Cottbuser Schauspieldirektor uns jetzt in der neuen Reihe „Spielwut“ seine Strindberg-Adaption präsentiert, in dieser Form ertragen?

Holetzeck hat nämlich eine eigene Spielfassung der Geschichte um die junge Grafentochter, die in einer Mittsommernacht wild tanzend zum Volk herab- und anschließend ins Bett des Dieners Jean steigt, erarbeitet. In dieser schreibt er das 1888 entstandene Stück flockig um. Im Gegensatz zur Vorlage wird in der Niederlausitz nicht nur vom eigenen Hotel in der Schweiz geträumt: Am Ende des Abends verlassen Julie (Johanna Emil Fülle) und die Köchin Kristin (Susann Thiede) das Haus in Richtung Tessin. Nur Jean bleibt zurück: Schreiend hängt Oliver Seidel am Bühnenrand. Dieser Knecht kann der Rampe und damit seiner kleinen Welt nicht entfliehen.

Leider nimmt uns Holetzeck mit solchen Bildern das Denken ab. Er erfindet Metaphern und Situationen, die uns der Originaltext bereits erzählt. Es mag sein, dass die Personenkonstellation – verwöhnte Grafentochter, karrierebewusster Diener und schüchterne Köchin – unzeitgemäß erscheint. Vielleicht hat Holetzeck deshalb das „naturalistische Trauerspiel“ kräftig auf Zeitgeist getrimmt. Bei ihm ist Julie zwar immer noch ein blaublütiges Geschöpf, ihr Vater aber, der nicht auftretende Graf, ein erfolgreicher Couturier, ein Mode-Zar à la Lagerfeld.

Im weißen Bühnenraum, den Hans-Holger Schmidt als schmales, flaches Rechteck ohne Fenster, aber mit Bodenluken entworfen hat, hängen denn auch zwei Stangen voller Kleider. An einer Wand sehen wir Entwürfe, auf einem Ständer ein weißes Kleid, das die schwangere Kristin etwas raffen und ändern wird. Zuvor hat sie ihrem Verlobten Jean aus einem Boulevardblatt den neusten Klatsch vorgelesen.

Johanna Emil Fülles Julie ist eine Göre – mal maulig, mal kokett – eine Art Paris Hilton. Um das Gerede der Leute schert sich das Blondchen keinen Deut. Wie sie wirkt auch Oliver Seidels Jean, als hätte er gerade eine Handvoll Partypillen geschluckt. Kichernd und japsend, dauernd unter Strom, gebärden sich die beiden überdreht und fallen aus den Rollen: „Du hättest Schauspieler werden sol-

len.“ – „Ich bin Schauspieler.“ Ist alles nur Spiel? Die Überdrehtheit mag stimmen. Das Clownsnasen-Aufsetzen bleibt ein plattes, das Cello-Lecken und Mit-dem-Instrument-Kopulieren ein eher peinliches Bild. Fesseln können derlei Verdeutlichungsversuche nicht. Die Figuren wirken bis auf Susann Thiedes an der Tränenschwelle entlang taumelnde Kristin fern und fremd. Die Geschichte zieht sich. – Schade.

KRITIK:
 

 

umweltzeichen der blaue engel, weil energiesparend

© 2008 by Oliver Seidel