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HEIMAT-SPEKTAKULUM u.a. REPUBLIK VINETA von M.Rinke //ME and YOU and the EU von B. Studlar


Premiere: 12.02.2011

REPUBLIK VINETA
von Moritz Rinke

Eine Gruppe von Ingenieuren, Architekten und Politikern entwirft ihre Vision von Heimat neu. Doch das scheinbar innovative Arbeitsteam verstrickt sich nicht nur in absurde Konflikte, sondern erlebt auch unerwartete Überraschungen.
[Quelle: www.staatstheater-cottbus.de]

Regie - Jürgen Lingmann
Ausstattung - Mathias Rümmler
Dramaturgie - Bettina Jantzen
Regieassistenz - Anniki Nugis
Souffleuse - Helga Kalinskaja
Assistenz - Philipp Buder

Leonard - Susann Thiede
Klaus Hagemann - Kai Börner
Sebastian Färber - Oliver Seidel
Lutz Born - Jan Hasenfuß
Johannes Behrens - Klaus-Dieter Bange
Fritz Feldmann-See - Oliver Breite
Hans Montag - Amadeus Gollner
Nina Seiler - Ariadne Pabst
Ursula Feldmann-See - Corinna Breite
Rosa Seligmann - Kathrin Victoria Panzer
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ME AND YOU AND THE EU. Kleine Grenzerfahrungen (Fun & Horror)
von Bernhard Studlar

Drei clowneske Typen suchen im neuen Europa nach ihrer persönlichen Verortung und Verwurzelung. Auch wenn sich alles um sie herum ändert, bleibt doch die Sehnsucht nach einer kleinen Heimat unerschütterlich.
[Quelle: www.staatstheater-cottbus.de]

Regie - Simone Younossi
Ausstattung - Mathias Rümmler
Dramaturgie - Bettina Jantzen
Regieassistenz - Anniki Nugis

Karoline - Susann Thiede
Kellner - Oliver Seidel
Kardinal - Oliver Breite

BERICHT: Lausitzer Rundschau vom 29.02.2011 - Sylvia Belka
Kulturradio vom RBB - Oliver Kranz
KRITIK: Lausitzer Rundschau vom 14.2.2011 - Hartmut Krug
Märkische Allgemeine vom 24.2.2011 - Martin Stefke
BlickLicht 3/11 - Jens Pittasch
VIDEO: Proben-Clip
kleiner Trailer zum HEIMAT-Spektakulum
FOTOS: Vineta + ME and YOU and the EU
Termine:
abgespielt

BERICHT: Lausitzer Rundschau vom 29.01.2011 - Sylvia Belka

Von Heimat-Kunde und Heim-Weh

COTTBUS Es ist die selbstverständlichste Sache der Welt, dass wir irgendwo zu Hause sind, ankommen, Heimat finden. Oder doch nicht? Jetzt soll unsere Heimat genau daraufhin abgeklopft werden. Widersprüchlich, liebevoll, kritisch. Noch zwei Wochen sind es bis zur Premiere. Der Erfinder des „Heimat Spektakulums“ ist der Schauspielchef des Staatstheaters Cottbus, Mario Holetzeck.

Mario Holetzeck, Heimat scheint mir ein recht schwieriges Ding zu sein. So selbstverständlich wir mit dem Begriff umgehen, so abstrakt ist er auch. Warum greifen Sie so ein sperriges Thema auf?

Ich kam darauf, als ich irgendwann gemerkt habe: Für meine Arbeit in Cottbus habe ich mein ganzes Privatleben abgebrochen. Ich hatte mich beruflich neu orientiert und fragte mich: Bin ich eigentlich zuhause, wo ich gerade bin? Ich hatte kaum noch Freunde und es gab kaum noch Momente des Innehaltens. Ist Heimat ein Ort, ist es die Familie, sind es Erinnerungen oder ist Heimat da, wo du deine Liebsten hast? Beruf ist auf jeden Fall auch Heimat, weil wir viel Zeit mit Arbeit verbringen. Als wir irgendwann mit allen Schauspielern zusammensaßen, stellte sich heraus, dass genau das für alle ein Thema ist...

...obwohl oder gerade weil Schauspieler eigentlich nie lange am selben Ort zu Hause sind?

Genau das ist ja die Frage. Sind wir heimatlos? Deswegen wollten wir uns mit Stücken auseinandersetzen, die das behandeln.

Welche haben Sie denn entdeckt?

Bewusst ausschließlich Gegenwartsstücke, die vollkommen unterschiedliche Antworten geben. In »Kein letzter Tag« geht es um zwei alte Leute, die abgebaggert werden sollen. Er will, sie nicht. Das spielen wir in einer winzigen Werkstatt, in der die Welt wirklich zu Ende scheint. »Me and you and the EU« fragt nach, was die Globalisierung mit uns macht. Im Hauptteil des Abends, »Republik Vineta« von Moritz Rinke, entwerfen Architekten, Politiker und Ingenieure ihre Vision von Heimat, bis der Zuschauer merkt, dass er da auf einer völlig falschen Fährte ist.

Haben Sie unter dem Aspekt Heimat auch ausgemustert?

Keine Annemariepolka, kein sorbisches Kulturgut. Darum ging es hier nicht.

Was macht aus - hoffentlich spektakulären - Stücken ein »Spektakulum«?

Wir haben von Anfang an ein Gesamtkonzept für den Abend gesucht. Die gesamte Kammerbühne wird bespielt: Heimat in Riesenlettern zieht uns herein, gleich am Eingang Filme in einer Blackbox, Wir haben in der Stadt Leute befragt zu ihrem persönlichen Heimatbezug, das zeigen wir auf Monitoren. Es gibt eine Fotoausstellung und die Lesebühne ist da. Die Stücke sind nur ein Teil des Abends. Ich hätte ja auch gerne Erde und Torf auf dem Boden gehabt, damit man Heimat sinnlich erlebt. Das ging leider nicht, da hat der Technische Direktor protestiert.

Aber warum spielt das Spektakulum um ein so großes Thema »nur« in der Kammerbühne?

Eben weil das ein schwieriger Ort ist, er wirkt manchmal fast verwaist, die Zuschauer wissen nicht so recht, was sie damit anfangen sollen...

...das hat ja auch mit Heimat zu tun, dass man manchmal nicht genau weiß, was man damit anfangen soll...

...und doch probiert man es immer aufs neue. So wie wir jetzt mit dem Spektakel.

Ähnlichkeiten mit den legendären »Zonenrandermutigungen« von Christoph Schroth wären rein zufällig?

Das ist Absicht! Ein Spektakel wie bei Schroth - in klein. Das Flair, unterschiedliche Räume und Stücke, Essen, Vielfalt. Am Schluss kommen alle wieder zusammen, dann wird getrunken und geredet.

Mit Mario Holetzeck sprach Sylvia Belka-Lorenz/sbk1

BERICHT: Kulturradio vom RBB von Oliver Kranz

Audio 1

Audio 2

KRITIK: Lausitzer Rundschau vom 14.2.2011 - Hartmut Krug

Heimat-Kunde bis Heim-Weh im Staatstheater Cottbus
COTTBUS Derzeit ist die Kammerbühne abends beschwerlich und schwer zu finden, denn der Eingangsbereich ist eine Baustelle. Da aber riesige Buchstaben installiert worden sind, die zusammen das Wort Heimat ergeben, erfährt der wache Besucher schon aus dieser zufälligen Konstellation, dass Heimat eine stets im Umbau und Wandel befindliche Konstruktion ist
Niemand muss sich heimatlos fühlen in diesem bunten Spektakulum. Zwar werden die Cottbuser vor und zwischen den Aufführungen mit Fotos, Filmen, Fühl-Kästen, Videointerviews, Büchern und Lesungen bei ihren eigenen Erinnerungen gepackt, aber zugleich wird immer auch grundsätzlich danach gefragt, was Heimat ist und sein oder nicht sein kann. Was dem Lausitzer seine Kartoffeln mit Quark und Leinöl, die es in der Pause gab, ist dem anderen die Weißwurst mit süßem Senf. . .

Immer aber ist Heimat eine Utopie, konstruiert aus Erinnerungen und Wünschen.

Eine Utopie

Wie das legendäre Vineta. In Moritz Rinkes »Republik Vineta« hat eine AG angeblich eine fast unbewohnte Insel im Bottnischen Meerbusen gekauft, um hier eine neue Stadt zu errichten. Um dieses Projekt zu realisieren, sind sechs Experten in einer Villa zusammengebracht worden. Sie alle sind Workaholics, und damit, erklärt uns Jürgen Lingmanns Inszenierung, heimatlos. Weil nur die Arbeit ihre Heimat ist. Dass Rinkes Stück auch eine Satire über Politiker und Architekten unserer Spaß- und Freizeitgesellschaft und politische Utopien ist, interessiert Lingmann wenig. Er zeigt die großen Arbeitstiere vor allem als durchgeknallte Egoisten. Wie sie stets auf hohem Erregungslevel daher toben, ist immerhin durchaus ansehnlich komisch.

So rast Kai Börner hin und her und überdreht auch sprachlich schier in leerlaufendem Aktionismus. Klaus-Dieter Bange gibt seinem Bürgermeister eine innige Spießigkeit, während Oliver Seidel den Architekten, der eine Stadt für die Menschen bauen will, zwar als zielgerichteten Träumer vorführt, aber leider dessen grotesk gefährliche Verbohrtheit zu wenig mitspielt. Und der als Gast zurückgekehrte Oliver Bäsler (jetzt verheiratet unter dem Namen Breite), legt die Rolle eines Kapitäns wunderbar leicht als psychologisch-komödiantische Studie eines durch die Arbeit gefühlskaputten Ehemannes an.

Als Dompteuse all dieser großen Tiere agiert Susann Thiede. Sie spielt den Projektleiter Dr. Leonhard mit angenehmer Schnörkellosigkeit als beinhart grobe Befehlsgeberin.

Die Inszenierung besitzt viele, vor allem schauspielerisch schöne Momente, wirkt aber auch etwas holprig in Rhythmus und Stil. Sie benutzt Nina, die Mitarbeiterin von Dr. Leonhard, um erotische Spannungen ins Geschehen zu bringen (Ariadne Pabst macht das mit souverän dezenter Deutlichkeit sehr schön). Enttäuschend allerdings, wie Kathrin Victoria Panzer mit lautem und undeutlichem Englisch als eine von zwei Erbinnen durch die Szene poltert, und wie der Schluss mit einem Dream-Lied ins Ungefähre verspielt wird.

Dieses Spektakulum knüpft an Christoph Schroths Zonenrandermutigungen an, kann aber, weil das Schauspielensemble geschrumpft, die Mittel weniger und Probenzeiten kürzer geworden sind, nicht ganz mit ihnen konkurrieren.

Bedrückende Kraft

Die drei Stücke, die im zweiten Teil parallel liefen, waren dann auch nur szenische Lesungen. Für Dirk Lauckes »Für alle reicht es nicht« setzte Bühnenausstatter Mathias Rümmler die Zuschauer auf die Bühne und verteilte auf den nun sitzlosen Stufen des Zuschauerraums Nadelbäume. In diesem unwirtlichen Raum, der von merkwürdigen Geräuschen erfüllt ist, agieren die Schauspieler (Regie Maike Krause) mit ihren Notenständern, auf denen die Textbücher liegen. Auf einer Projektionswand sind sie in vergangenen Situationen gezeigt, oder sie sprechen dort ihre Gedanken aus. Die Geschichte eines jungen, Zigaretten schmuggelnden Paares, das im Grenzgebiet zu Tschechien einen Lastwagen mit Schmuggelzigaretten, aber auch mit eingesperrten »Fidschis«, findet und sich zwischen Angst, Fremdenfeindlichkeit und Geschäftssinn verrennt, wird von den Darstellern mit viel sprachlicher Energie dargeboten. Das Stück handelt von der Suche von Menschen in Ostdeutschland nach ihrem Ort und Lebenssinn. Wie Jan Hasenfuß, Kathrin Victoria Panzer, Klaus-Dieter Bange und Ariadne Pabst unterschiedliche Lebenshaltungen, die Auseinandersetzung mit politisch und individuell bestimmter Vergangenheit wie den Kampf mit einer neuen Wirklichkeit ausstellen, ergibt selbst in der halbszenischen Version eine bedrückende Kraft.

Da war dann auch zu verschmerzen, dass die Zuschauer, die aus Bernhard Studlars »Me and you and the EU« kamen, begeistert vom komödiantischen und existenziellen Furor dieser szenischen Lesung erzählten. Der Kritiker nimmt diese Meinungen einfach in sein Gesamturteil hinein, das da lautet: Dieses Heimat-Spektakulum ist theatralisch wie politisch anregend und zugleich unterhaltsam. Nicht perfektes Theater, aber eines, das sein Publikum etwas angeht.

KRITIK: Märkische Allgemeine vom 24.02.2011 - Martin Stefke

BÜHNE: Die Heimat als Baustelle
Neues Theaterspektakel in Cottbus
COTTBUS - Die Straße wird gebaut. Auch der Fußweg erhält einen neuen Belag. Deshalb bleibt neben der Fahrbahn auch die Treppe zur Kammerbühne abgesperrt. Der Zuschauer muss über die Rampe zum „Heimat-Spektakulum“ gehen.

Abende mit mehreren Stücken haben im Staatstheater Cottbus Tradition. Christoph Schroth erfand hier einst die „Zonenrandermutigungen“ – Theater-Kraftakte, an die das Haus heute mit Wehmut denkt, weil das Ensemble seit Schroths Abschied von 27 auf jetzt 16 Akteure herunter gespart wurde. Trotzdem will man sich nicht unterkriegen lassen und versucht nun, an die Tradition anzuknüpfen. Bescheidener gewiss, doch seit Mario Holetzeck das Schauspiel leitet mit neuer Energie.

Die Heimat steht in diesem Jahr als Motto über dem Programm. Auch beim „Spektakulum“, einer Art Kleinausgabe der „Zonenrandermutigungen“. Vier Stücke sind zu sehen: Zuerst Moritz Rinkes „Republik Vineta“, anschließend werden parallel drei szenische Lesungen präsentiert. Fotos, Filme, Texte von Cottbuser Autoren, Lieder wie „Kein schöner Land“ oder „Das Wandern ist des Müllers Lust“ runden den Abend ab.

Die Baustelle gehört nicht zum Programm, könnte es aber. Denn auch auf der Bühne, die Mathias Rümmler als Mix aus Bauplatz und Freizeitpark eingerichtet hat, wird in Rinkes „Republik Vineta“ mächtig rangeklotzt. Besser: darüber räsoniert. Die Truppe aus Bauleuten und Experten kommt nämlich gar nicht dazu, mit der großen Zukunftsvision – der Inselstadt Vineta – wirklich zu beginnen. Dabei „arbeiten“ doch alle angestrengt: Als Kapitän Feldmann-See lässt Oliver Breite feldherrengleich eine imaginäre Flotte mit Baumaterial in See stechen. Kai Börner wirbelt als Projektmanager wie aufgezogen umher und erinnert mit allerlei antrainierten Floskeln und Posen an einen nichtssagenden Dauerredner aus dem öffentlichen Leben. Klaus-Dieter Bange verleiht Bürgermeister Behrens viel spießige Dienstbereitschaft. Oliver Seidel schließlich wirft als Architekt der „neuen Rückbesinnung“ mit großer Geste die bisherige Planung über den Haufen. Ein Wunder wie Susann Thiede da als resolute Chefin den Haufen zusammenhält.

Dass man das Stück trotz dieser schauspielerischen Leistungen doch nur mit zwiespältigen Gefühlen verlässt, liegt am verunglückten Schluss. Da lässt Regisseur Jürgen Lingmann Kathrin Victoria Panzer zum einen viel zu aufgesetzt die coole Amerikanerin mimen. Zum anderen stellt der Autor sein Stück selbst auf den Kopf: Alles ist plötzlich anders, als es lange schien. Und das ist schade, weil es vorher doch durchaus ernsthaft um Visionen zum Thema wie „Wie leben wir zusammen“, also um die Frage nach der Heimat, ging.

Das „Heimat-Los“ entscheidet, wohin es nach der Pause geht: In den Saal zu Dirk Lauckes „Für alle reicht es nicht“, wo „Randfiguren mit Wiedervereinigungskater“ an der tschechischen Grenze aufeinander treffen, in die Kaschierwerkstatt – hier weigern sich in Matthias Körners „Kein letzter Tag“ zwei alte Lausitzer, ihr Heimatdorf zu verlassen, obwohl es den Kohlebaggern weichen soll – oder in die Probebühne. Dort stellen Susann Thiede, Oliver Seidel und Oliver Breite in Bernhard Studlars „You and me and the EU“ drei Menschen vor, die in der Bürokratie und Uniformität des „neuen Europa“ ihre kleine Heimat und sich selber suchen.

Clownesk bis poetisch nähert sich das Trio dem Text (Regie: Simone Younossi) und lässt dabei Sätze und Manuskriptseiten durch den Raum fliegen. Die Heimat finden sie dabei nicht. Sie bleiben Heimatlose. Wenn auch in einem anderen Sinn.

KRITIK: BlickLicht vom 3/11 - Jens Pittasch
VIDEO: Proben-Clip // kleiner Trailer zum Heimat-Spektakulum
 

 

umweltzeichen der blaue engel, weil energiesparend

© 2008 by Oliver Seidel