FAUST 1 Johann Wolfgang Goethe Regie: Christoph Schroth Rolle: lustige Person, Wagner, Meerkatze, Volk


Wagner (Oliver Seidel), Faust (Kai Börner)
Foto: Marlies Kross

Inhalt:

„Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! Du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehen!"

Mit diesem Wetteinsatz verbündet sich der Gelehrte und Wissenschaftler Faust mit Mephistopheles. Der verzweifelte Intellektuelle verspricht sich von den Diensten des Teufels all das, was ihm in seiner von Vernunft bestimmten Welt fehlt: Sinnlichkeit und eine gelebte, glühende Leidenschaft. Er will zu dem vordringen, „was die Welt im Innersten zusammenhält". Mephistopheles geht auf diese Wette ein. Hat er doch seinerseits eine Wette mit dem „Herrn" geschlossen und will den „Musterknaben" Faust von seinem Weg abbringen. Auf ihren Reisen durch unterschiedlichste Welten begegnet Faust Gretchen. Dessen bescheidene, überschaubare Welt ist das ganze Gegenteil zu seinem unruhigen, unzufriedenen Dasein. Indem er ihre Liebe in sein Leben zu zwingen versucht, stürzt er Gretchen ins Unglück. Indessen ist Faust weiter auf der Suche. Aber was will er eigentlich in besinnungslosem Genuss und dauernder Grenzüberschreitung finden? Am wenigsten – so scheint es – sich selbst, sein „Innerstes". Vielleicht ist dies einer der Gründe dafür, dass er an keinem Ziel anzukommen vermag.
[Quelle: www.staatstheater-cottbus.de]

Nächste Vorstellungen: abgespielt

nächste Spielzeit 2009/2010

KRITIK: Lausitzer Rundschau, FAZnet, Märkische Allgemeine, Junge Welt, Neues Deutschland, Schweriner Volkszeitung
Lausitzer Rundschau vom 21.01.2008   Hartmut Krug

Christoph Schroth inszeniert am Staatstheater Cottbus Goethes „Faust 1“

Welterkenntnis und Lebenslust im Zeitalter des Internet

Goethes «Faust» wird in dieser Spielzeit auf ungeheuer vielen deutschsprachigen Bühnen gespielt und geplant. Nicht nur, weil er Schulstoff und allgemeiner Bildungsstoff ist, sondern weil mit ihm die grundsätzlichen, immer wieder neu aufbrechenden Fragen nach Welterkenntnis und Lebenssinn, nach gesellschaftlichen Werten und individueller Moral sinnlich durchgespielt werden können.
In Brandenburg haben die Uckermärkischen Bühnen Schwedt beide Teile seit Jahren im Spielplan, und Senftenbergs großes Faust-Spektakel wird in diesem März auch wieder gespielt werden. Am Wochenende kam (zum ersten Mal seit 50 Jahren) auch in Cottbus Goethes „Faust 1“ wieder auf die Bühne.

Bei dieser Premiere konnte man im ausverkauften Staatstheater Cottbus viele bekannte Gesichter aus Kultur und Politik entdecken. Die Erwartungen waren durchaus groß, denn der Mythos von Christoph Schroths einstiger Schweriner „Faust“-Inszenierung hat die DDR überdauert. 30 Jahre und der Untergang der DDR liegen zwischen seiner legendären Schweriner Inszenierung aus dem Herbst 1979 und Schroths neuerlicher Beschäftigung mit Goethes Text. In Schwerin wurden beide Teile von Goethes Faust an einem langen, sechsstündigen Abend gegeben, in Cottbus gibt’s den ersten Teil in drei Stunden. Vier Fäuste und eine Frau als Mephisto spielten sich in Schwerin durch Lebenshaltungen und Suchbewegungen in der DDR, die Bühne (vom damaligen wie heutigen Bühnenbildner Jochen Finke) bezog sich auf Fausts Klage „Weh! Steck’ ich in dem Kerker noch?“, und Faust stieß den Eisernen Vorhang auf . . . Die radikal „zeitgenössische“ Inszenierung mit ihrer bunten Sinnlichkeit und Bildlichkeit erreichte mehr als 100 stets ausverkaufte Vorstellungen, und, so würde man heute sagen, Kultstatus.
Auch Schroths neue Cottbusser Inszenierung ist aktuelles Zeittheater, sowohl Reflex auf wie Reflektion über unsere neue Zeit. Allerdings besitzt sie nicht mehr den Furor wie die Schweriner Inszenierung zu Lebzeiten der DDR entwickelte. Anstelle des einstigen, wütend-witzigen Schwungs atmet sie eher Nachdenklichkeit und Gelassenheit. In Cottbus, wo man nicht mehr aus dem vollen der zu DDR-Zeiten umfangreicheren Ensembles schöpfen kann, haben Schroth und sein einfallsreicher Bühnenbildner Jochen Finke ein durchaus sinnliches, wenn auch eher nüchternes Denk- und Erklärspiel geschaffen.
Das Spiel beginnt wie bei Goethe mit der Zueignung, die Wolf-Dieter Lingk mit die Worte nachschmeckender Bedeutsamkeit verkündet. Wenn der Sprecher das Textbuch zur Souffleuse hinunter gereicht hat, können die „schwankenden Gestalten“ zu „Wirklichkeiten“ werden. Zum Beispiel, indem sie im Schattenspiel gezeigt werden. Denn Direktor, Theaterdichter und lustige Person gestikulieren sich hinterm Vorhang als Schattenfiguren durchs Vorspiel, so dass ganz unaufgeregt unterschiedliche Ansichten zu Inhalt und Form von Theater präsentiert werden können. Wenn dann eine geflügelte Engelsschar sich mit dem Prolog aus dem Himmel in den Proszeniumslogen zeigt, lehnt Mephisto seine Leiter an die Bühne und steigt missmutig aus der Tiefe empor. Dieser Mephisto ist kein „edler Junker in rotem, goldverbrämtem Kleide“, sondern ein völlig schwarzer Kerl, ein kahlköpfiger Underdog. Der endlic h mal seine Chance ergreifen will und mit blitzenden Augen auftrumpft. Sind sich doch Engel und Herr allzu sicher, dass die Welt ganz herrlich eingerichtet und alles in Ordnung sei. Deshalb vereinbart Mephisto mit einem aus dem Off tönenden Herrn, dessen riesiges Überwachungsauge die Rückwand ausfüllt, seine Wette um Faust.

In der Denkhöhle
Faust sitzt zunächst als graumelierter und bebrillter älterer Herr jammernd an seinem Computer. Trotz der Informationsfülle aus dem Internet kommt er nicht weiter, schließlich holt er sich einige alte Schwarten aus dem Schrank und versucht es mit der altertümlichen Magie. Dabei ist Fausts Reich ein großes, leeres Zimmer, ein Bürokäfig, umschlossen von matt-dunklen Metallwänden, auf die der erste beschworene Geist einen mächtigen Schatten wirft. Aus diesem Denkraum kommt Faust nie recht heraus, auf Podesten wird ihm die Welt herein geschoben. Und für den wissbegierigen „trockenen Schleicher“ Wagner (Oliver Seidel, der wie viele der Darsteller mehrere Rollen spielt) öffnet Faust seine Denkhöhle nur widerwillig, – mit der Fernbedienung. Dieser Wagner zeichnet seine Gespräche mit einem alten Faust, der genervt und wackelig daherschlurft und von Kai B&oum l;rner als ein nörgelnd Unzufriedener mit quäkiger Stimme gegeben wird, wie ein Reporter mit dem Mikrophon auf dem Tonbandgerät auf. Börner sucht sich dabei mit allzu viel ausgestellten Gesten den leeren Raum zu erobern, jeder Satz, jedes Wort wird von ihm gestisch „auf Händen getragen.“ Das wirkt, bis Faust verjüngt und damit lebendiger wird, doch mehr technisch als spannungsvoll. Als junger Faust, nachdem er in einem modernen OP seine Schönheitsoperation erlebt hat (die Szene ist gleichzeitig eine lustige Opernparodie), wird Börner dann allerdings wesentlich schwungvoller. Jetzt bekommt sein Faust Leben und Lebendigkeit, bleibt nicht nur Denker-Zitat. Vom ersten Auftritt an präsent wirkt dagegen der agile Mephisto des Thomas Harms. Er sprüht von Kampfes- und Spiellust, zieht sich für Faust als Kampfzeichen einen roten Handschuh über und verliert sich in Auerbachs Keller fast im fop penden Spiel mit den Zechern. Beim Osterspaziergang (mit rappenden Jungen und walkenden Alten) kommt er schon mal als Bettler vorbei, an der Leine seinen Pudel. (Der gelehrige und hinreißende Pyrenäenschäferhund, ein Star des Abends, ist ein wunderbar ironisches Zitat!)

Jagd nach sinnlichen Reizen
Faust wirkt bei Schroth weniger wie ein Sucher nach Welterklärungen, sondern wie ein Egoist auf der Jagd nach sinnlichen Reizen, nach Jugend und ewigem Leben. Dafür veranstaltet der Regisseur weder ein Mediengewitter noch ein Zitatengedonner mit gerade «angesagten» Philosophen oder Soziologen, wie es in etlichen Inszenierungen des modernen Regietheaters passiert, sondern er setzt ganz allein auf Goethes Text. Den er allerdings kräftig kürzt. So verliert Mephisto seine Schülerszene und Margarethe ihr Lied vom König in Thule, und etliche Szenen wurden stark komprimiert. So wie die Geschichte zwischen Faust und Margarethe. Die durch Johanna-Julia Spitzer als Margarethe zum Ereignis des Abends wird. Nicht, weil die junge Schauspielerin ihre Margarethe als Muslimin mit weißem Kopftuch spielt, die Gläubigkeit der Figur also in ein aktuelles Spannungsfeld überführt. Sondern weil sie an Stelle des heute etwas muffig bieder wirkenden Verhaltens, das Goethe der Figur mitgegeben hat, ihrer Margarethe eine patent kraftvolle, ihr Selbstbewusstsein zwischen Unsicherheit und erster Sicherheit suchende Empfindlichkeit gibt.
Faust und Margarethe lernen sich kennen, indem sie im wahrsten Wortsinne aufeinander stoßen: sie rennen sich gegenseitig um. Dann sitzen beide auf dem Boden und staunen sich an: eine Szene, so sensibel und poetisch wie die, bei der die beiden sich so unsicher wie suchend, so selbstverständlich wie träumerisch gegenseitig ausziehen, um ins Bett zu springen und dort . . . über Religion zu reden. Christoph Schroth inszeniert nie Einfälle, sondern findet Bilder für die Essenz von Goethes Situationen. Die Szene am Brunnen, bei der die jungen Frauen über eine andere herziehen, die unverheiratet schwanger ist, lässt er im leeren Raum von drei Frauen spielen, die Margarethe mit ihren Kinderwagen buchstäblich drohend einkreisen.
Diese Margarethe ist schon bei sich und gelangt bei der Liebe noch aus sich heraus. Johanna-Julia Spitzer spielt eine Figur in der Entwicklung. Wie sie beim Nachdenken über die gefundenen Schmuckstücke das eigentlich ängstliche „ach ihr Armen“ für sich kraftvoll weg spricht, wie sie das „er-liebt-mich-Blümchenspiel“ mit Klammern beim Wäscheaufhängen spielt oder wie sie die Heilige als „Schmer zensreiche in aller Not“ anruft, indem sie sich der imaginären Figur wie zum Kampf fordernd entgegenstellt – vor allem aber, wie sie das „Meine Ruh ist hin“ als Kampf mit sich und ihren Gefühlen auf dem Gebetsteppich durchlebt, das gibt der Figur eine helle Lebendigkeit, die Christoph Schroths Inszenierung nicht immer atmet.

Ungleicher Balztanz
Manches in dieser Aufführung wirkt eher plakativ. Wie die Szene im Dom, die die auf ihrem Bett liegende Margarethe als Albtraum erlebt. Goethes Chor wird dabei von schwarz verschleierten Muslimen gebildet, die, drohend mit Steinen klackend, eine Puppe bedrängen. Während die Szene in Frau Marthens Garten (mit einer aus sicherer Körperlichkeit schön auftrumpfenden Serena Gruß als Marthe) mit szenischem Geschick und Witz gelöst werden. Derweil sich auf einem Podest Faust und Margarethe zart einander nähern, beginnt unter ihnen der ungleiche Balztanz zwischen Marthe und Mephisto (der hier unnötigerweise berlinert, wohl, um Marthe in ihrem einfachen sozialen Milieu abzuholen).
Insgesamt gelingt Christoph Schroth mit einem überzeugenden und homogenen Ensemble eine sehr klare, aber auch etwas nüchterne und zuweilen allzu bedächtige Inszenierung. Schroth erzählt Goethes Geschichte zwar nicht neu, aber doch auf ganz eigene Weise mit klarem, realistischem Spiel als eine deutlich heutige.
Ein großer Wurf wie einst in Schwerin ist ihm dabei nicht gelungen, aber doch eine durchaus beachtliche und über weite Strecken unterhaltsame Arbeit.
Von Hartmut Krug

 

FAZonline vom 23.01.2008   Irene Bazinger

„Faust I“ in Cottbus

Goethes neue Farbenlehre

Von Irene Bazinger

23. Januar 2008 Philosophie? Juristerei? Magie? Metaphysik? Meer des Irrtums? Vielleicht außerdem gar, was die Welt im Innersten zusammenhält? All diese großen Themen verdichtet der Regisseur Christoph Schroth am Staatstheater Cottbus zu harten, scharfkantigen Klängen, die wie elementare akustische Schlüsselreize die Irrungen, Wirrungen und Bonmots im ersten Teil von Johann Wolfgang Goethes Tragödie des „Faust“ auslösen. Da sitzt der Titelheld am Anfang einsam auf einer dunklen, leeren Bühne und hackt unwirsch in seinen Laptop, als wäre es ein jämmerlicher Klimperkasten, den zu berühren allein schon unter seiner Würde ist.

Später stampft dann Mephisto, wenn er den verspannten Studienstubenhocker im viel zu weiten Tweed in Auerbachs Keller gebracht hat, dreimal mit dem Fuß auf, und sofort werden ihm ein paar bereits entkorkte Flaschen von Champagner bis Tokaier für die verblüfften Zechkumpane wie aus dem Souterrain der Hölle nach oben gereicht. Noch später sind's in Margaretes „kleinem, reinlichem Zimmer“ die langen Nadeln, die Faust unbedarft und vorsichtig aus ihrem Schleier zieht und, in Vorfreude auf einen besonderen Leckerbissen, wie lästige Gräten einfach zur Erde fallen lässt. Dort kommen sie nahezu unhörbar an und rufen doch - ganz leise rumsend - eine Reihe tödlicher Katastrophen hervor.

Religion als Alltagspraxis ernst genommen

Begegnet sind sich die zwei Verliebten zufällig, als sie nämlich mit überhöhter Geschwindigkeit über die Bühne rannten und derart heftig kollidierten, dass beide plötzlich verdutzt auf dem Hosenboden landeten: Kai Börner als verjüngter Faust im hellen Anzug zu dunklen Locken, Johanna-Julia Spitzer als Margarete in traditioneller muslimischer Tracht mit weißem Kopfschleier. Wer Religion heutzutage als Alltagspraxis ernst nimmt, gelangt rasch zum Islam, so Christoph Schroth, denn das Christentum ist längst nicht mehr das, weswegen die Menschen einander an die Gurgel oder gerade nicht an die Wäsche gehen.

Margarete rollt demnach - „Meine Ruh ist hin“ - ihren Gebetsteppich aus und stürzt auf die Knie, wenn sie, atemlos verwirrt, sich über ihren konfessionellen Wertekodex und ihre privaten Glücksträume samt sexuellen Phantasien Herz wie Hirn zermartert. Und wenn sie im Dom fast kollabiert, nachdem sie verbotenerweise mit Faust im Bett war, wird die Szene zum Albtraum, in dem sieben schwarzverhüllte Gestalten eine Stoffpuppe umzingeln, dabei Steine in den Händen tragen und bedrohlich gegeneinanderschlagen.

Kein Begriff, nur Parolen - keine Melodie, bloß Alarmsignale

Dieser symbolischen Steinigung folgt bald die reale Hinrichtung, wenn Jan Hasenfuß als Margaretes Bruder Valentin, locker ein Palästinensertuch um den Hals und die Armeehose auf den Hüften, mit infernalischem Klicken eine Pistole entsichert und durch eine Türöffnung auf die Schwester richtet. Eigentlich ist er da schon im Messerkampf mit Faust gestorben, und man sieht jetzt auch sein Gesicht nicht, als würde jedermann diesen Ehrenmord vollstrecken können oder müssen, der an seiner Stelle wäre. Margarete wird hier zwar vom Himmel gerettet, aber von ihren fundamentalistischen Glaubensgenossen erschossen.

Das hat nicht einmal Mephisto ahnen können, der in Schroths punktuell aktualisierter, vorwiegend zurückhaltend textgetreuer Inszenierung als glatzköpfiger Farbiger ein flinker Conférencier der Lüste und Hasardeur der Verheißungen ist. Seine rechte Teufelspranke steckt in einem roten Lederhandschuh und wird von Thomas Harms gern zum Victory-Zeichen in die Luft gereckt.

Das kubisch klare Bühnenbild von Jochen Finke mit Würfeln und Wänden, die sich zu klaustrophobisch-kalten Räumen verschieben, gibt niemandem Orientierung. Und Christoph Schroth treibt alle in der eindringlich konzentrierten Aufführung - ob abgeschmackt lasziv bekleidet in der Walpurgisnacht, ob dezent hochgeschlossen beim Osterspaziergang - mit hohem Pathos immer tiefer in die Unübersichtlichkeit einer Welt hinein, die von sich keinen Begriff, nur Parolen hat, und keine Melodie, bloß Alarmsignale.

Text: F.A.Z., 23.01.2008, Nr. 19 / Seite 35

 

Märkische Allgemeine vom 21.01.2008   Martin Stefke
Der Doktor ist der Täter> Am Staatstheater Cottbus inszeniert Christoph Schroth Goethes „Faust I“ COTTBUS - Seit sich der mehrfache Doktor der Wissenschaft Heinrich Faust mit Mephistopheles eingelassen hat, treibt er sich an zwielichtigen Orten herum. Jedenfalls in Cottbus. In den dunklen Winkeln von Jochen Finkes Bühne fuchtelt Faust nicht nur mit dem Messer. Er sticht auch zu. Die fromme Margarete hat er mit Liebesschwüren und gestohlenen Geschenken verführt. Schon bald nach dem von Faust verübten Mord an ihrem Bruder wird das naive und treue Kind, was es ohne seinen Einfluss wohl nie geworden wäre, eine Mutter- und Kindesmörderin. Ja, einige Leichen pflastern des Doktors Weg durch das „wilde Leben“ schon.

Das ist gewiss nicht neu. Selten jedoch schien der „Fall Faust“ so klar, wie in der Inszenierung von Christoph Schroth, die am Sonnabend am Staatstheater Cottbus ihre Premiere erlebte. Man versteht schnell, dass die himmlischen Boten Raphael, Gabriel und Michael, die der Regisseur mit blutbefleckten Flügeln und gefledderten Federn als vom „herzlich schlechten“ Weltenlauf gehörig geschundene Engel zeigt, kaum noch jemanden erretten können. Zudem leuchten von einer der beiden anthrazitfarbenen Wände, die Jochen Finke als Winkel auf die Staatstheaterbühne gebaut hat, einem unheilverkündenden Zeichen gleich drei große Buchstaben auf: „Tat“. Der Doktor selbst hat das Wort in großen weißen Lettern an die hohe Wand geschrieben, damals, an jenem Ostertag, an dem er voll „Hoffnungsglück“ von seinem Spaziergang durch die Frühlingsluft in das Studierzimmer zurückkehrte. Das bedeutungsvolle Wort aber wird Faust nicht mehr los. Es steht über Gretchens Bett, an der Mauer des Doms, ja, selbst noch an der Kerkerwand. Faust und seine Tat. Faust der Täter. Eine schlüssige Idee.

Leider lässt sich dies nicht auf die Inszenierung übertragen. Zahlreiche Einfälle, die Faust als unmoralischen Menschen unserer Zeit zeigen sollen, geraten kraftlos und verärgern eher, als dass sie die Geschichte aufhellen. Anfangs sehen wir zwar den von der Forschung enttäuschten Mann. Doch Kai Börner muss die Titelfigur als einen angestaubten Alten geben. Staubgrau ist auch sein Haar. Börner tappt und tippelt zwischen Schreibtisch, Wandschänken und Bauhaus-Sessel durch sein Büro, öffnet und schließt die Tür mit der Fernbedienung und steckt dabei in einem viel zu großen Anzug. Ist dieser Faust eine Karikatur? Man weiß es nicht genau.

Schon wenn der an einem Notebook sitzende Börner das berühmte „Habe nun ach“ wieselflink und dabei mit dem Körper schwankend in die Tastatur klimpert, als wolle er einen Organisten imitieren, erschließt sich nicht, was Christoph Schroth damit erzählen will. Verständlicher ist da schon, dass Gretchen (herausragend: Johanna-Julia Spitzer) als fromme Muslima auftritt. Ihre Vision einer Steinigung durch eine Meute in schwarze Beduinenmäntel gehüllter Männer gerät trotzdem zum flachen Bild. Ähnlich die Verjüngungsszene, in der drei Gestalten in Chirurgenkitteln und Schutzmasken über Faust herfallen, um sich gleich darauf ihrer Arbeitskluft zu entledigen, unter der Lack und Leder steckt.

Der Inszenierung gelingen ihre stärksten Momente in Szenen der Beschränkung. Wenn Johanna-Julia Spitzer Margaretes Gebet im Dom zur leidenschaftlichen Anklage werden lässt. Oder wenn Kai Börner behutsam den Schleier des Mädchens löst. Da klingt an, was dieser „Faust“ hätte werden können – großes Theater. Doch der Doktor hüpft eben auch kindisch auf Gretchens Bett herum und die Walpurgisnacht gerät zum Disko-Mummenschanz.

Bravos gab es dennoch. Für Johanna-Julia Spitzers Margarete und Thomas Harms’ als lakonisch-satten Mephistopheles. Absolut zu Recht. (Von Martin Stefke)

 
Junge Welt vom ?  Arnold Schölzel

Hölle mit Regeln

Christoph Schroth inszeniert souverän »Faust I« in Cottbus

Die Welt ist finster. Jochen Finke hat hohe schwarze Wände, an denen wie in Maschinenhallen zwei Neonröhren in großer Höhe hängen, in einem zum Zuschauerraum offenen Dreieck auf die Bühne gestellt. Sie rahmen die gesamte Inszenierung ein. Nur die Erzengel – sechs gerupfte Gestalten, die als eine Art G 6 auftreten – sprechen aus den Proszeniumslogen von weit oben. Sie kennen und sehen die beste aller Welten: »die unbegreiflich hohen Werke/sind herrlich wie am ersten Tag«. Metaphysischen Transusen geht nichts schief.

Der dreisten Apologie steht das Spiel unten auf der Bühne entgegen. Die Welt ist nicht die Hölle, aber letztere hält jene in Trab. Mephisto, sagt Christoph Schroth, kommt »von ganz unten..., aus den Favelas, aus den Slums dieser Erde«. Ein völlig anderer Ausgangspunkt als 1979. Damals inszenierte Schroth in Schwerin den kompletten Faust. Die halbe DDR pilgerte zu den Aufführungen. Die »Zueignung« spricht Wolf-Dieter Lingk, der damals als einer von vier »Fäusten« dabei war. In Cottbus 2008 ist ein Ausgangspunkt: Mephisto findet die Welt »wie immer herzlich schlecht/Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen/Ich mag sogar die armen selbst nicht plagen«. Der Teufel ist menschlich und »negiert«, will was anderes, will ausprobieren, will sich lustig machen, Lust haben, ist Schalk und Narr, geht auch über Leichen. Er tritt kahlgeschoren, in schwarzer (Kopf-)Haut auf. Thomas Harms spielt ihn mit knappen Bewegungen, präzisen Gesten, als elanvollen, die Umstände Bedenkenden, im schwarzen, gestreiften Busineßanzug. Rebell und Manager in einem. Das Verneinen, das alles und jedes in Frage stellen, das Relativieren alles Beständigen in der Welt und ihrem Lauf hat er mit Faust gemeinsam, aber der ist nicht geradlinig, hat ein mühevolles Herkommen aus Mittelalter, aus Neigung zur Magie und höchst irdischer Verzweiflung. Er ist ehrlich erstaunt über den Vorschlag zu einem Vertrag: Die Hölle hat Regeln! Kai Börner stellt ihn als fahrigen, altgewordenen, grau gewandeten Intellektuellen dar, der im Studierzimmer vor den kahlen schwarzen Wänden auf seinem Laptop hackt, und nach der Hexenbehandlung als jungen Draufgänger, der fast zu naiv erscheint in seinem ungesteuerten Egoismus. Beide – alter und junger Faust – gestikulieren oft theatralisch. Das wirkt aufgesetzt, unpassend, unterstreicht aber auf seine Weise das Schiefe, Unsympathische, das in der Figur steckt.

Und auf die Figuren kommt es hier an. Im »Studierzimmer« sind außer Tisch und Computer nur noch Hut und Sessel – schwarz natürlich. Schroth lenkt die Blicke der Zuschauer auf die Schauspieler, die in heutiger Gewandung auftreten, ohne daß die Wucht des Bühnenbildes, das mit verblüffend einfacher »Maschinerie« arbeitet, schwindet. Die Welt auf der Bühne ist schwarz grundiert, kennt aber Nacht und Tag, Licht und Finsternis, Veränderung.

Der Text Goethes wird nicht hergenommen, um Firlefanz zu treiben, sondern um heutige Zustände zu erfassen. Das ist eine souveräne Position. Schroth schreibt im Programmheft von »Konfrontationen der Extreme« in der heutigen Welt, die er auch im Faust gefunden zu haben glaubt. Es wird genau gesprochen und streng gespielt. Wo gibt es das noch? Die Kürzungen betreffen ganze Szenen wie die vom Rat suchenden Schüler, dem Mephisto die Wissenschaften erklärt. Gestrichen alles, was Gretchen christlich erscheinen läßt. Sie tritt mit Kopftuch auf, ihr »Meine Ruh ist hin/Mein Herz ist schwer« spricht sie kniend und mit der Stirn auf einen Gebetsteppich gebeugt, den sie ausrollt. Wenige Striche, eine andere Figur als gewohnt steht auf der Bühne, ohne daß die Substanz der Rolle beschädigt wird: Auch dieses Gretchen ist tiefgläubig, kann mit dem Religionsverständnis des Geliebten nichts anfangen. Das Gebet im Zwinger »Ach neige./Du Schmerzensreiche...« ist ein anklagender Ausbruch, keine Devotion. Eine Margarete, die nicht zu erwarten war, aber durch Johanna-Julia Spitzer völlig überzeugend gespielt wird. Das Ehrenmordmotiv des Bruders, der sie rächen und verfluchen will, stammt vom Autor, nicht vom Regisseur. Der staffierte ihn mit der Kufiya aus, dem sogenannten Palästinensertuch, und läßt im Programmheft auf Goethes gelassen-fasziniertes Verhältnis zum Islam hinweisen.

Die drei Stunden im Staatstheater vergehen rasch. Vorgeführt wird eine Welt, die das Gegenteil von heil ist. Aber auch nicht einfach kaputt, Nichts, Leere, ewiger Untergang, galaktischer Zusammenbruch, Blut in Strömen, sondern Konfrontation, also auch Einheit und Erfassen von Gegensätzen, Geschehen, Schauspiel. Mit Narrheit: Das »Freiheit!« feiernde, besoffene Leipziger Völkchen in Auerbachs Keller singt den Text von »Uns ist so kannibalisch wohl,/Als wie fünfhundert Säuen!« auf die Melodie der deutschen Nationalhymne. Paßt gut. Peter Hacks meinte einmal sinngemäß, im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts seien alle modernen politischen Programme komplett vorhanden gewesen. Goethe kannte seine bürgerliche Gesellschaft.

Eine große Inszenierung, ein großartiges Ensemble.

Neues Deutschland vom ?  Hans-Dieter Schütt

Das verschleierte Gretchen

Staatstheater Cottbus: Christoph Schroth inszenierte Goethes »Faust. Der Tragödie erster Teil«

Die Inszenierung bleibt auf dem Teppich. Auf dem Teppich kniet Gretchen. Gen Mekka gerichtet. »Meine Ruh ist hin.« Gretchen ist eine streng und weiß Verschleierte. Die Liebe aber schafft es, dass die Muslimin den Gebetsteppich mit den Füßen, aufgeregt und erwartungsvoll, wegstoßen wird. Mit Faust gemeinsam löst sie das Schleiertuch. Dessen Spangen fallen auf den Boden, knallen geradezu in diese stillste Stille der Inszenierung hinein. Auch die Haare Gretchens fallen, sie fallen ihr auf die Schultern, als breche ein Damm: eine große dunkle Welle Schönheit. Er und sie jetzt unter dem Schleier, beide unter wohligstem Schock, die Burka als Baldachin ganz aus Leichtigkeit; das neue Himmels-Zelt.

Schon ihr Bruder Valentin hatte, die Schwester verfluchend, zwei Steine in der Hand gehabt – auch in ihrer Zelle erlebt Gretchen, die's mit einem Europäer trieb, die Albträume von Schuld und Strafe als Aufmarsch schwarzer Gestalten, die ein Puppe in der Bühnenmitte steinigen werden. Chor und Koran. Goethe: statt west-östlichem Diwan das Strafgericht religiöser Unvereinbarkeit.

Dies ist der wohl entschiedenste Zugriff von Christoph Schroth, der am Staatstheater Cottbus »Faust. Der Tragödie erster Teil« inszenierte (Bühne: Jochen Finke). Vor nahezu dreißig Jahren war seine Schweriner Interpretation des Goethe-Werkes dem faden offiziellen DDR-Geist in die gelähmten Knochengelenke gefahren, das Mecklenburgische Staatstheater wurde damals zum Pilgerort, »Faust« als fröhliches Spektakel, als freches Gleichnis, als böser Blick auf die Gegenwart.

Es dauert, bis die neuerliche Inszenierung Haftmittel produziert, die den soliden, sauberen Vorüberfluss der bekannten Dinge aufhalten und Prägsamkeit erzeugen. Gretchen vor allem muss erst kommen – und in ihrem Untergang die Retterin sein. Johanna-Julia Spitzer offenbart ein quasi selbstbewusst fügsames Wesen, in dem kleine spitze Keime eines fast heiteren, souveränen Trotzes (»ach, wir Armen«) und einer gesteuerten Aufsässigkeit immer wieder gegen die sittsame Oberfläche stoßen. Jetzt hat der Abend eine wirkliche Seele. Das Böse daran: Diese Seele darf sich nur in der Tragödie entfalten, im Schmerz des Verstoßenwerdens. Schroth und seine Schauspielerin vermeiden dabei jede Sentimentalität, die Inszenierung behält ihren »berichtenden«, vorwärtsdrängenden Rhythmus, hat aber just in den Szenen mit Gretchen plötzlich eine drückend lakonische Härte.

Im Schlussbeifall kniet Faust-Darsteller Börner vor dem Regisseur. Hier muss sich ein Dankbarkeitsbedürfnis angestaut haben, das allein mit dem Abend wahrscheinlich nicht zu erklären ist. Christoph Schroth, der gute Geist vergangener guter Cottbuser Theaterjahre: Eine Wirkung, die anhält und deren aktueller Grad vielleicht gar nicht so sehr (nur) mit dem Resultat dieser jetzigen Inszenierung zu tun hat (Resultat: merkwürdiges Wort in Zusammenhang mit Kunst), sondern weit mehr mit einer Arbeitsatmosphäre auf dem Wege dahin.

Es gibt ohnehin Aufführungen, deren Schönheit sich weniger aus der unmittelbaren, geballt und wirkungsmächtig auf uns zukommenden ästhetischen Kraft ergeben, sondern aus Reihungen des Ungefügen, Angedeuteten und Versuchten. Ein wenig geht es mir so bei diesem »Faust«: Er will – speziell in der Gretchen-Geschichte – eingreifen in akute gegenwärtige Diskussionen ums Religiöse und Säkulare, und dieser Wille schafft sich sein Kolorit aus Zeitgenossenschaft, ein Kolorit, das sich mitunter neben die Geschichte stellt.

Diese Zeitgenossenschaft versetzt den Faust in einen hohen, weiten, leeren Arbeitsraum mit verlorenem Sessel darin, eine Hermetik der kalten, kahlen Wände, die an Chefetagen in Häusern sehr weit hoch überm Realen denken lässt. Die Litaneien der Faustschen Vergeblichkeitskrisen werden in den Laptop gehackt, später auch die Teufelspakt-Setzungen – die Finger schlagen dabei abwechselnd aufs Gerät, ohne dass Mephisto und Faust jeweils noch auf Tastatur und Monitor schauen; überhaupt wird Text bisweilen abgehaspelt, Mephisto dreht mit den Händen die Leier dazu; »Faust«, der im Dauergebrauch verschlissene Stoff.

Also, die Zeitgenossenschaft: Die Arbeitszimmer-Tür öffnet sich per Fernbedienung; Schüler Wagner (Oliver Seidel) kommt, um den Meister zu hören, mit Rekorder und Mikrofon; das Fläschchen, mit dem Faust sein Erdenleben beenden will, ist eine Drogenspritze; die Verjüngung in der Hexenküche geschieht in einem Genlabor; die eitel-kleinbürgerliche Staffage des Osterspaziergangs kommt nordic-walkend einhergestampft; und wenn der Stammtisch in »Auerbachs Keller« losbrüllt, man fühle sich wohl wie »fünfhundert Säue«, dann wird das, sehr schief, nach Beethovens Begleit-Ode zur deutschen Einheit gedröhnt; zwischendurch scheint es ein wenig nach Nationalhymne zu klingen. »Faust« als Bezüglichkeits-Spötterei; lauter kleine Rachezüge gegen eine bieder schnurrende Realität des frostig Heutigen.

Die Aufführung wirkt bescheiden, sie giert nicht nach übertriebener Auffälligkeit. Sie formiert sinnfällige Schattenspiele, lässt auf oder zwischen großen Podestquadern spielen, und immer wieder wecken Klaviertöne Spannung, wann endlich der dissonante, schmerzhafte Klang kommt. Schroth hat Mut, sich einer Modernität zu verweigern, die ohnehin nicht seine Sache wäre. Es ist ein Mut, der eine gewisse Traurigkeit ausstrahlt; als spreche auch in Schroth selber, in Teilen, der müde abgearbeitete Faust, oder der Gloster in Shakespeares »Lear«: Man hat das Beste seiner Zeit gesehen. Und getan. Der Preis dieser Entschiedenheit im Unzeitgemäßen, die freilich etwas Stolzes hat, besteht in Phasen eines behäbigen Mummenschanzes (Hexenküche, Walpurgisnacht); da wird auch gleichsam bekennerisch dem alten Theaterapparat nachgewunken, der in den Umbauszenen – in heutigen Zeiten der Leere, des Lichtdesigns – noch einmal sein Knarren und seine ungelenke Langsamkeit zeigen darf.

Kai Börner ist ein schlurfiger, noch im Selbstzorn sehr energieloser Faust; später, jung geworden, bleibt er eher in einem großen bübischen Staunen, als dass ihn Leidenschaft weg- oder hinrisse. Sein durchgehend krähiger, dann jungenhaft heller Ton hat eines gemeinsam mit dem bestimmend aufgeräumten Frohlocken des Mephisto von Thomas Harms: Es herrscht zwischen beiden eine gewisse forcierte Ein-Tönigkeit, bei der Fausts Wechselbad zwischen Verführungsrausch, Abhängigkeitserwachen und Widerwärtigkeitselend erst mählich spürbar, akzentesetzend wird.

Harms Mephisto ist flink, nüchtern dienerisch, kein Absahner des oft gesehenen zynischen Pointenfeuerwerks. Ein Arbeiter des antiprometheischen Gegenbeweises, im billigen Nadelstreif eines Sklaven im höheren Hausdienst – dieser glatzköpfige Mephisto ist nämlich ein Schwarzer. Schroth möchte einen Skeptiker der Tiefe zeigen, einen Kenner der Nachtasyle und der dritten Welt (beim Osterspaziergang taucht er als Bettler auf) – das Böse als Produkt sozialer Erfahrung.

Die Handlung mag diesen Gedanken nicht automatisch hervorbringen und auch nicht auf Dauer stützen, aber einmal vom Regisseur geäußert und in der Figurentypisierung zum Körper geworden, ist mit diesem Gedanken doch immerhin der Stoff aufgetan, um nach der Aufführung zu reden, zu streiten. Denn sehr wohl hat sich am Ende des dreistündigen Abends jene weltoffne Nervosität übertragen, mit der Schroth seinem Leiden an der Welt eine Geschichte beigeben möchte. Wissend, dass das hochgespannte Ziel an gewünschten Assoziationen zur globalisierten Welt zugleich das ist, was die Möglichkeiten der Inszenierung übersteigt.

Seinen ersten »Faust« in Schwerin inszenierte Schroth zehn Jahre vor Niedergang des roten Sterns. Mephisto trägt, an der linken Hand (links, wo das Herz ist, das Schmerzzentrum), einen roten Handschuh. Aufruhr ist nicht mehr utopische Stern-Stunde der Massen, sondern zynisches Faustrecht der Einzelnen.

Und wo Gretchen zugrunde geht, stehen noch die Wände von Fausts hohem kaltem Zimmer, und dort ist nach wie vor zu lesen, was er am Anfang mit Kreide hinschrieb: »TAT«. Zu handeln: Freiheit des Menschen und sein Fluch. Und zwischen beidem keine Balance, nur immer Tragödien, die sich uns weiter auf die Spielpläne setzen.Am Ende, in der Todeszelle, die wieder Fausts leere hohe Arbeitsgruft ist, wird Gretchen das Schleiertuch zusammenballen und wie ein Kind wiegen, wird dieses weiße Tuch knüllen oder wehen lassen, als könne daraus ein fliegender Teppich werden, kein Teppich für die Flucht in reale Welten, aber ein Märchenteppich in den Traum, den man von diesen realen Welten haben kann. Wenn man denn nur irr und wirr und verzweifelt klarsichtig genug ist.

Schweriner Volkszeitung vom 27. Oktober von Holger Kankel
Typisch Schroth!

"Ich kann’s noch immer." Regisseur Christoph Schroth sprach gestern vormittag im Schweriner Theater über Teufel und die Welt.

"Ist es gar zu fantastisch, von einem Gastspiel des Cottbuser ,Faust’ in Schwerin zu träumen?", fragten wir im Januar in dieser Zeitung. Nun, der Traum wurde am Sonnabend im Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin wahr. Kultregisseur Christoph Schroth war an sein altes Haus zurückgekehrt und hatte seinen neuen "Faust" mitgebracht. Jubel und stehende Ovationen für Schroth und sein Ensemble. Einhelliges Urteil der meisten Zuschauer nach diesem großen, denkwürdigen Theaterabend: "Typisch Schroth!"

Die Spannung an diesem Samstagabend war fast mit den Händen zu greifen. Zu übermächtig schwebte der Geist des legendären "Faust"-Abends durch das Mecklenburgische Staatstheater. Von 1979 bis 1989 feierte das Schweriner Publikum in 106 ausverkauften Vorstellungen den heute legendären, sechsstündigen "Faust" in jener bild- und sinngewaltigen Inszenierung Christoph Schroths mit den vier Faust-Darstellern und der großartigen Lore Tappe als Mephisto.

Würde es dem Kultregisseur nach 30 Jahren erneut gelingen, dem alten Stoff neue Bilder und neue Geschichten zu entlocken und sein altes Publikum auch diesmal in seinen Bann zu ziehen? Ein Wagnis war dieses Gastspiel des Cottbuser Staatstheaters allemal. Wer gegen einen Mythos anzuspielen versucht, hat eigentlich schon verloren.

Eigentlich. Denn Christoph Schroth ist sich treu geblieben und hat in dem teuflisch guten, zuweilen aber auch totgerittenen Stück Ansätze gefunden, von unserer Welt zu erzählen. Sein Faust (Kai Börner) kommt als kalter, frustrierter Laptop-Manager daher. Thomas Harms’ Mephisto ist schwarz vom Dreck der Favelas und von der Sonne der Dritten Welt, Gretchen, die wahrscheinlich meist diskutierte Idee dieser Inszenierung, ein muslimisches Mädchen mit Kopftuch, das im Traum ihre Steinigung durch fundamentalistische Nachbarn erlebt.

"Wie machen wir’s, daß alles frisch und neu/Und mit Bedeutung auch gefällig sei?" Die alles entscheidende Frage aus dem "Vorspiel" beantworteten Christoph Schroth und sein Cottbuser Schauspielensemble auf die dem Theater einzig gemäße Weise: Sie vertrauten dem Autor und der Macht seiner Dichtung und spielten sich fantasievoll, in bewegenden Bildern und großen Szenen - quasi auf Teufel komm raus - in die Herzen des Schweriner Publikums. Das anfangs zurückhaltend, dann mehr und mehr gepackt, dem alten Gegenwartsstück "Faust I" folgte.

Als Bärbel Röhl, zehn Jahre lang das Schweriner Gretchen, dem Cottbuser Gretchen, der berührenden Johanna-Julia Spitzer, beim Schlussapplaus eine rote Rose überreichte und gleich darauf der kleine große Christoph Schroth auf die Bühne kam, kannte der Jubel keine Grenzen.

Bärbel Röhl bewunderte nach der Vorstellung den Mut Schroths, sich nach so langer Zeit mit einem neuen "Faust" infrage zu stellen.

Ihr Kollege Ekkehard Hahn gab unumwunden zu, nach diesem Abend gerührt und traurig und wehmütig zugleich zu sein.

Christoph Schroth selbst gestand dann gestern Morgen in einer Matinee, die das Theater ihm zu Ehren ausgerichtet hatte, wie stark er noch immer die tiefe Verbundenheit mit dem Publikum gespürt habe. Im Gespräch mit dem Theaterkritiker Manfred Zelt plauderte der 71-Jährige über "Faust" und "Tell" und die großen Zeiten der Schweriner "Entdeckungen".

Als dann Filmausschnitte an den FDJ- und Volksliederabend (1988/89) erinnerten und elf der damaligen Protagonisten, auch der Mephisto Thomas Harms, die Bühne betraten und einige der alten Lieder sangen, hielt es im Großen Haus niemanden mehr auf den Sitzen.

An diesem, mit vielen Emotionen aufgeladenen Wochenende trafen Theater- und Lebensgeschichten aufeinander und schufen ein neues Stück unvergesslicher Theatergeschichte.

umweltzeichen der blaue engel, weil energiesparend

© 2008 by Oliver Seidel