| FAUST 1 Johann Wolfgang Goethe | Regie: Christoph Schroth | Rolle: lustige Person, Wagner, Meerkatze, Volk |
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Inhalt: „Werd ich zum Augenblicke sagen: Mit diesem Wetteinsatz verbündet sich der
Gelehrte und Wissenschaftler Faust mit Mephistopheles. Der verzweifelte
Intellektuelle verspricht sich von den Diensten des Teufels all das,
was ihm in seiner von Vernunft bestimmten Welt fehlt: Sinnlichkeit und
eine gelebte, glühende Leidenschaft. Er will zu dem
vordringen, „was die Welt im Innersten
zusammenhält". Mephistopheles geht auf diese Wette ein. Hat er
doch seinerseits eine Wette mit dem „Herrn" geschlossen und
will den „Musterknaben"
Faust von
seinem Weg abbringen.
Auf ihren Reisen durch unterschiedlichste Welten begegnet Faust
Gretchen. Dessen bescheidene, überschaubare Welt ist das ganze
Gegenteil zu seinem unruhigen, unzufriedenen Dasein. Indem er ihre
Liebe in sein Leben zu zwingen versucht, stürzt er Gretchen
ins Unglück. Indessen ist Faust weiter auf der Suche. Aber was
will er eigentlich in besinnungslosem Genuss und dauernder
Grenzüberschreitung finden? Am wenigsten – so
scheint es – sich selbst, sein „Innerstes".
Vielleicht ist dies einer der Gründe dafür,
dass er an keinem Ziel anzukommen vermag.
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Nächste Vorstellungen: abgespielt nächste Spielzeit 2009/2010 |
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| KRITIK: | Lausitzer Rundschau, FAZnet, Märkische Allgemeine, Junge Welt, Neues Deutschland, Schweriner Volkszeitung | ||
| FAZonline vom 23.01.2008 Irene Bazinger | ||
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„Faust I“ in Cottbus Goethes neue FarbenlehreVon Irene Bazinger 23. Januar 2008 Philosophie? Juristerei? Magie? Metaphysik? Meer des Irrtums? Vielleicht außerdem gar, was die Welt im Innersten zusammenhält? All diese großen Themen verdichtet der Regisseur Christoph Schroth am Staatstheater Cottbus zu harten, scharfkantigen Klängen, die wie elementare akustische Schlüsselreize die Irrungen, Wirrungen und Bonmots im ersten Teil von Johann Wolfgang Goethes Tragödie des „Faust“ auslösen. Da sitzt der Titelheld am Anfang einsam auf einer dunklen, leeren Bühne und hackt unwirsch in seinen Laptop, als wäre es ein jämmerlicher Klimperkasten, den zu berühren allein schon unter seiner Würde ist. Später stampft dann Mephisto, wenn er den verspannten Studienstubenhocker im viel zu weiten Tweed in Auerbachs Keller gebracht hat, dreimal mit dem Fuß auf, und sofort werden ihm ein paar bereits entkorkte Flaschen von Champagner bis Tokaier für die verblüfften Zechkumpane wie aus dem Souterrain der Hölle nach oben gereicht. Noch später sind's in Margaretes „kleinem, reinlichem Zimmer“ die langen Nadeln, die Faust unbedarft und vorsichtig aus ihrem Schleier zieht und, in Vorfreude auf einen besonderen Leckerbissen, wie lästige Gräten einfach zur Erde fallen lässt. Dort kommen sie nahezu unhörbar an und rufen doch - ganz leise rumsend - eine Reihe tödlicher Katastrophen hervor. Religion als Alltagspraxis ernst genommen Begegnet sind sich die zwei Verliebten zufällig, als sie nämlich mit überhöhter Geschwindigkeit über die Bühne rannten und derart heftig kollidierten, dass beide plötzlich verdutzt auf dem Hosenboden landeten: Kai Börner als verjüngter Faust im hellen Anzug zu dunklen Locken, Johanna-Julia Spitzer als Margarete in traditioneller muslimischer Tracht mit weißem Kopfschleier. Wer Religion heutzutage als Alltagspraxis ernst nimmt, gelangt rasch zum Islam, so Christoph Schroth, denn das Christentum ist längst nicht mehr das, weswegen die Menschen einander an die Gurgel oder gerade nicht an die Wäsche gehen. Margarete rollt demnach - „Meine Ruh ist hin“ - ihren Gebetsteppich aus und stürzt auf die Knie, wenn sie, atemlos verwirrt, sich über ihren konfessionellen Wertekodex und ihre privaten Glücksträume samt sexuellen Phantasien Herz wie Hirn zermartert. Und wenn sie im Dom fast kollabiert, nachdem sie verbotenerweise mit Faust im Bett war, wird die Szene zum Albtraum, in dem sieben schwarzverhüllte Gestalten eine Stoffpuppe umzingeln, dabei Steine in den Händen tragen und bedrohlich gegeneinanderschlagen. Kein Begriff, nur Parolen - keine Melodie, bloß Alarmsignale Dieser symbolischen Steinigung folgt bald die reale Hinrichtung, wenn Jan Hasenfuß als Margaretes Bruder Valentin, locker ein Palästinensertuch um den Hals und die Armeehose auf den Hüften, mit infernalischem Klicken eine Pistole entsichert und durch eine Türöffnung auf die Schwester richtet. Eigentlich ist er da schon im Messerkampf mit Faust gestorben, und man sieht jetzt auch sein Gesicht nicht, als würde jedermann diesen Ehrenmord vollstrecken können oder müssen, der an seiner Stelle wäre. Margarete wird hier zwar vom Himmel gerettet, aber von ihren fundamentalistischen Glaubensgenossen erschossen. Das hat nicht einmal Mephisto ahnen können, der in Schroths punktuell aktualisierter, vorwiegend zurückhaltend textgetreuer Inszenierung als glatzköpfiger Farbiger ein flinker Conférencier der Lüste und Hasardeur der Verheißungen ist. Seine rechte Teufelspranke steckt in einem roten Lederhandschuh und wird von Thomas Harms gern zum Victory-Zeichen in die Luft gereckt. Das kubisch
klare Bühnenbild von Jochen Finke mit Würfeln und
Wänden, die sich zu
klaustrophobisch-kalten Räumen verschieben, gibt niemandem
Orientierung. Und Christoph Schroth treibt alle in der eindringlich
konzentrierten Aufführung - ob abgeschmackt lasziv bekleidet
in der
Walpurgisnacht, ob dezent hochgeschlossen beim Osterspaziergang - mit
hohem Pathos immer tiefer in die Unübersichtlichkeit einer
Welt hinein,
die von sich keinen Begriff, nur Parolen hat, und keine Melodie,
bloß
Alarmsignale.
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| Märkische Allgemeine vom 21.01.2008 Martin Stefke | ||
| Der Doktor ist der Täter>
Am Staatstheater Cottbus inszeniert Christoph Schroth Goethes
„Faust I“
COTTBUS -
Seit sich der mehrfache Doktor der Wissenschaft Heinrich Faust mit
Mephistopheles eingelassen hat, treibt er sich an zwielichtigen Orten
herum. Jedenfalls in Cottbus.
In den dunklen Winkeln von Jochen Finkes Bühne fuchtelt Faust
nicht nur
mit dem Messer. Er sticht auch zu. Die fromme Margarete hat er mit
Liebesschwüren und gestohlenen Geschenken verführt.
Schon bald nach dem
von Faust verübten Mord an ihrem Bruder wird das naive und
treue Kind,
was es ohne seinen Einfluss wohl nie geworden wäre, eine
Mutter- und
Kindesmörderin. Ja, einige Leichen pflastern des Doktors Weg
durch das
„wilde Leben“ schon.
Das ist gewiss nicht neu. Selten jedoch schien der „Fall Faust“ so klar, wie in der Inszenierung von Christoph Schroth, die am Sonnabend am Staatstheater Cottbus ihre Premiere erlebte. Man versteht schnell, dass die himmlischen Boten Raphael, Gabriel und Michael, die der Regisseur mit blutbefleckten Flügeln und gefledderten Federn als vom „herzlich schlechten“ Weltenlauf gehörig geschundene Engel zeigt, kaum noch jemanden erretten können. Zudem leuchten von einer der beiden anthrazitfarbenen Wände, die Jochen Finke als Winkel auf die Staatstheaterbühne gebaut hat, einem unheilverkündenden Zeichen gleich drei große Buchstaben auf: „Tat“. Der Doktor selbst hat das Wort in großen weißen Lettern an die hohe Wand geschrieben, damals, an jenem Ostertag, an dem er voll „Hoffnungsglück“ von seinem Spaziergang durch die Frühlingsluft in das Studierzimmer zurückkehrte. Das bedeutungsvolle Wort aber wird Faust nicht mehr los. Es steht über Gretchens Bett, an der Mauer des Doms, ja, selbst noch an der Kerkerwand. Faust und seine Tat. Faust der Täter. Eine schlüssige Idee. Leider lässt sich dies nicht auf die Inszenierung übertragen. Zahlreiche Einfälle, die Faust als unmoralischen Menschen unserer Zeit zeigen sollen, geraten kraftlos und verärgern eher, als dass sie die Geschichte aufhellen. Anfangs sehen wir zwar den von der Forschung enttäuschten Mann. Doch Kai Börner muss die Titelfigur als einen angestaubten Alten geben. Staubgrau ist auch sein Haar. Börner tappt und tippelt zwischen Schreibtisch, Wandschänken und Bauhaus-Sessel durch sein Büro, öffnet und schließt die Tür mit der Fernbedienung und steckt dabei in einem viel zu großen Anzug. Ist dieser Faust eine Karikatur? Man weiß es nicht genau. Schon wenn der an einem Notebook sitzende Börner das berühmte „Habe nun ach“ wieselflink und dabei mit dem Körper schwankend in die Tastatur klimpert, als wolle er einen Organisten imitieren, erschließt sich nicht, was Christoph Schroth damit erzählen will. Verständlicher ist da schon, dass Gretchen (herausragend: Johanna-Julia Spitzer) als fromme Muslima auftritt. Ihre Vision einer Steinigung durch eine Meute in schwarze Beduinenmäntel gehüllter Männer gerät trotzdem zum flachen Bild. Ähnlich die Verjüngungsszene, in der drei Gestalten in Chirurgenkitteln und Schutzmasken über Faust herfallen, um sich gleich darauf ihrer Arbeitskluft zu entledigen, unter der Lack und Leder steckt. Der Inszenierung gelingen ihre stärksten Momente in Szenen der Beschränkung. Wenn Johanna-Julia Spitzer Margaretes Gebet im Dom zur leidenschaftlichen Anklage werden lässt. Oder wenn Kai Börner behutsam den Schleier des Mädchens löst. Da klingt an, was dieser „Faust“ hätte werden können – großes Theater. Doch der Doktor hüpft eben auch kindisch auf Gretchens Bett herum und die Walpurgisnacht gerät zum Disko-Mummenschanz. Bravos gab es dennoch. Für Johanna-Julia Spitzers Margarete und Thomas Harms’ als lakonisch-satten Mephistopheles. Absolut zu Recht. (Von Martin Stefke) |
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| Junge Welt vom ? Arnold Schölzel | ||
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Hölle mit Regeln Christoph Schroth inszeniert souverän »Faust I« in CottbusDie Welt ist finster. Jochen Finke hat hohe
schwarze Wände, an denen wie in Maschinenhallen zwei
Neonröhren in
großer Höhe hängen, in einem zum
Zuschauerraum offenen Dreieck auf die
Bühne gestellt. Sie rahmen die gesamte Inszenierung ein. Nur
die
Erzengel – sechs gerupfte Gestalten, die als eine Art G 6
auftreten –
sprechen aus den Proszeniumslogen von weit oben. Sie kennen und sehen
die beste aller Welten: »die unbegreiflich hohen Werke/sind
herrlich
wie am ersten Tag«. Metaphysischen Transusen geht nichts
schief. |
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| Neues Deutschland vom ? Hans-Dieter Schütt | ||
Das verschleierte GretchenStaatstheater Cottbus: Christoph Schroth inszenierte Goethes »Faust. Der Tragödie erster Teil«Die Inszenierung bleibt auf dem Teppich. Auf dem Teppich kniet Gretchen. Gen Mekka gerichtet. »Meine Ruh ist hin.« Gretchen ist eine streng und weiß Verschleierte. Die Liebe aber schafft es, dass die Muslimin den Gebetsteppich mit den Füßen, aufgeregt und erwartungsvoll, wegstoßen wird. Mit Faust gemeinsam löst sie das Schleiertuch. Dessen Spangen fallen auf den Boden, knallen geradezu in diese stillste Stille der Inszenierung hinein. Auch die Haare Gretchens fallen, sie fallen ihr auf die Schultern, als breche ein Damm: eine große dunkle Welle Schönheit. Er und sie jetzt unter dem Schleier, beide unter wohligstem Schock, die Burka als Baldachin ganz aus Leichtigkeit; das neue Himmels-Zelt. Schon ihr Bruder Valentin hatte, die Schwester verfluchend, zwei Steine in der Hand gehabt – auch in ihrer Zelle erlebt Gretchen, die's mit einem Europäer trieb, die Albträume von Schuld und Strafe als Aufmarsch schwarzer Gestalten, die ein Puppe in der Bühnenmitte steinigen werden. Chor und Koran. Goethe: statt west-östlichem Diwan das Strafgericht religiöser Unvereinbarkeit. Dies ist der wohl entschiedenste Zugriff von Christoph Schroth, der am Staatstheater Cottbus »Faust. Der Tragödie erster Teil« inszenierte (Bühne: Jochen Finke). Vor nahezu dreißig Jahren war seine Schweriner Interpretation des Goethe-Werkes dem faden offiziellen DDR-Geist in die gelähmten Knochengelenke gefahren, das Mecklenburgische Staatstheater wurde damals zum Pilgerort, »Faust« als fröhliches Spektakel, als freches Gleichnis, als böser Blick auf die Gegenwart. Es dauert, bis die neuerliche Inszenierung Haftmittel produziert, die den soliden, sauberen Vorüberfluss der bekannten Dinge aufhalten und Prägsamkeit erzeugen. Gretchen vor allem muss erst kommen – und in ihrem Untergang die Retterin sein. Johanna-Julia Spitzer offenbart ein quasi selbstbewusst fügsames Wesen, in dem kleine spitze Keime eines fast heiteren, souveränen Trotzes (»ach, wir Armen«) und einer gesteuerten Aufsässigkeit immer wieder gegen die sittsame Oberfläche stoßen. Jetzt hat der Abend eine wirkliche Seele. Das Böse daran: Diese Seele darf sich nur in der Tragödie entfalten, im Schmerz des Verstoßenwerdens. Schroth und seine Schauspielerin vermeiden dabei jede Sentimentalität, die Inszenierung behält ihren »berichtenden«, vorwärtsdrängenden Rhythmus, hat aber just in den Szenen mit Gretchen plötzlich eine drückend lakonische Härte. Im Schlussbeifall kniet Faust-Darsteller Börner vor dem Regisseur. Hier muss sich ein Dankbarkeitsbedürfnis angestaut haben, das allein mit dem Abend wahrscheinlich nicht zu erklären ist. Christoph Schroth, der gute Geist vergangener guter Cottbuser Theaterjahre: Eine Wirkung, die anhält und deren aktueller Grad vielleicht gar nicht so sehr (nur) mit dem Resultat dieser jetzigen Inszenierung zu tun hat (Resultat: merkwürdiges Wort in Zusammenhang mit Kunst), sondern weit mehr mit einer Arbeitsatmosphäre auf dem Wege dahin. Es gibt ohnehin Aufführungen, deren Schönheit sich weniger aus der unmittelbaren, geballt und wirkungsmächtig auf uns zukommenden ästhetischen Kraft ergeben, sondern aus Reihungen des Ungefügen, Angedeuteten und Versuchten. Ein wenig geht es mir so bei diesem »Faust«: Er will – speziell in der Gretchen-Geschichte – eingreifen in akute gegenwärtige Diskussionen ums Religiöse und Säkulare, und dieser Wille schafft sich sein Kolorit aus Zeitgenossenschaft, ein Kolorit, das sich mitunter neben die Geschichte stellt. Diese Zeitgenossenschaft versetzt den Faust in einen hohen, weiten, leeren Arbeitsraum mit verlorenem Sessel darin, eine Hermetik der kalten, kahlen Wände, die an Chefetagen in Häusern sehr weit hoch überm Realen denken lässt. Die Litaneien der Faustschen Vergeblichkeitskrisen werden in den Laptop gehackt, später auch die Teufelspakt-Setzungen – die Finger schlagen dabei abwechselnd aufs Gerät, ohne dass Mephisto und Faust jeweils noch auf Tastatur und Monitor schauen; überhaupt wird Text bisweilen abgehaspelt, Mephisto dreht mit den Händen die Leier dazu; »Faust«, der im Dauergebrauch verschlissene Stoff. Also, die Zeitgenossenschaft: Die Arbeitszimmer-Tür öffnet sich per Fernbedienung; Schüler Wagner (Oliver Seidel) kommt, um den Meister zu hören, mit Rekorder und Mikrofon; das Fläschchen, mit dem Faust sein Erdenleben beenden will, ist eine Drogenspritze; die Verjüngung in der Hexenküche geschieht in einem Genlabor; die eitel-kleinbürgerliche Staffage des Osterspaziergangs kommt nordic-walkend einhergestampft; und wenn der Stammtisch in »Auerbachs Keller« losbrüllt, man fühle sich wohl wie »fünfhundert Säue«, dann wird das, sehr schief, nach Beethovens Begleit-Ode zur deutschen Einheit gedröhnt; zwischendurch scheint es ein wenig nach Nationalhymne zu klingen. »Faust« als Bezüglichkeits-Spötterei; lauter kleine Rachezüge gegen eine bieder schnurrende Realität des frostig Heutigen. Die Aufführung wirkt bescheiden, sie giert nicht nach übertriebener Auffälligkeit. Sie formiert sinnfällige Schattenspiele, lässt auf oder zwischen großen Podestquadern spielen, und immer wieder wecken Klaviertöne Spannung, wann endlich der dissonante, schmerzhafte Klang kommt. Schroth hat Mut, sich einer Modernität zu verweigern, die ohnehin nicht seine Sache wäre. Es ist ein Mut, der eine gewisse Traurigkeit ausstrahlt; als spreche auch in Schroth selber, in Teilen, der müde abgearbeitete Faust, oder der Gloster in Shakespeares »Lear«: Man hat das Beste seiner Zeit gesehen. Und getan. Der Preis dieser Entschiedenheit im Unzeitgemäßen, die freilich etwas Stolzes hat, besteht in Phasen eines behäbigen Mummenschanzes (Hexenküche, Walpurgisnacht); da wird auch gleichsam bekennerisch dem alten Theaterapparat nachgewunken, der in den Umbauszenen – in heutigen Zeiten der Leere, des Lichtdesigns – noch einmal sein Knarren und seine ungelenke Langsamkeit zeigen darf. Kai Börner ist ein schlurfiger, noch im Selbstzorn sehr energieloser Faust; später, jung geworden, bleibt er eher in einem großen bübischen Staunen, als dass ihn Leidenschaft weg- oder hinrisse. Sein durchgehend krähiger, dann jungenhaft heller Ton hat eines gemeinsam mit dem bestimmend aufgeräumten Frohlocken des Mephisto von Thomas Harms: Es herrscht zwischen beiden eine gewisse forcierte Ein-Tönigkeit, bei der Fausts Wechselbad zwischen Verführungsrausch, Abhängigkeitserwachen und Widerwärtigkeitselend erst mählich spürbar, akzentesetzend wird. Harms Mephisto ist flink, nüchtern dienerisch, kein Absahner des oft gesehenen zynischen Pointenfeuerwerks. Ein Arbeiter des antiprometheischen Gegenbeweises, im billigen Nadelstreif eines Sklaven im höheren Hausdienst – dieser glatzköpfige Mephisto ist nämlich ein Schwarzer. Schroth möchte einen Skeptiker der Tiefe zeigen, einen Kenner der Nachtasyle und der dritten Welt (beim Osterspaziergang taucht er als Bettler auf) – das Böse als Produkt sozialer Erfahrung. Die Handlung mag diesen Gedanken nicht automatisch hervorbringen und auch nicht auf Dauer stützen, aber einmal vom Regisseur geäußert und in der Figurentypisierung zum Körper geworden, ist mit diesem Gedanken doch immerhin der Stoff aufgetan, um nach der Aufführung zu reden, zu streiten. Denn sehr wohl hat sich am Ende des dreistündigen Abends jene weltoffne Nervosität übertragen, mit der Schroth seinem Leiden an der Welt eine Geschichte beigeben möchte. Wissend, dass das hochgespannte Ziel an gewünschten Assoziationen zur globalisierten Welt zugleich das ist, was die Möglichkeiten der Inszenierung übersteigt. Seinen ersten »Faust« in Schwerin inszenierte Schroth zehn Jahre vor Niedergang des roten Sterns. Mephisto trägt, an der linken Hand (links, wo das Herz ist, das Schmerzzentrum), einen roten Handschuh. Aufruhr ist nicht mehr utopische Stern-Stunde der Massen, sondern zynisches Faustrecht der Einzelnen. Und wo Gretchen zugrunde geht, stehen noch die Wände von Fausts hohem kaltem Zimmer, und dort ist nach wie vor zu lesen, was er am Anfang mit Kreide hinschrieb: »TAT«. Zu handeln: Freiheit des Menschen und sein Fluch. Und zwischen beidem keine Balance, nur immer Tragödien, die sich uns weiter auf die Spielpläne setzen.Am Ende, in der Todeszelle, die wieder Fausts leere hohe Arbeitsgruft ist, wird Gretchen das Schleiertuch zusammenballen und wie ein Kind wiegen, wird dieses weiße Tuch knüllen oder wehen lassen, als könne daraus ein fliegender Teppich werden, kein Teppich für die Flucht in reale Welten, aber ein Märchenteppich in den Traum, den man von diesen realen Welten haben kann. Wenn man denn nur irr und wirr und verzweifelt klarsichtig genug ist. |
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| Schweriner Volkszeitung vom 27. Oktober von Holger Kankel | ||
| Typisch Schroth!
"Ich kann’s noch immer." Regisseur Christoph Schroth sprach gestern vormittag im Schweriner Theater über Teufel und die Welt. "Ist es gar zu fantastisch, von einem Gastspiel des Cottbuser ,Faust’ in Schwerin zu träumen?", fragten wir im Januar in dieser Zeitung. Nun, der Traum wurde am Sonnabend im Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin wahr. Kultregisseur Christoph Schroth war an sein altes Haus zurückgekehrt und hatte seinen neuen "Faust" mitgebracht. Jubel und stehende Ovationen für Schroth und sein Ensemble. Einhelliges Urteil der meisten Zuschauer nach diesem großen, denkwürdigen Theaterabend: "Typisch Schroth!" Die Spannung an diesem Samstagabend war fast mit den Händen zu greifen. Zu übermächtig schwebte der Geist des legendären "Faust"-Abends durch das Mecklenburgische Staatstheater. Von 1979 bis 1989 feierte das Schweriner Publikum in 106 ausverkauften Vorstellungen den heute legendären, sechsstündigen "Faust" in jener bild- und sinngewaltigen Inszenierung Christoph Schroths mit den vier Faust-Darstellern und der großartigen Lore Tappe als Mephisto. Würde es dem Kultregisseur nach 30 Jahren
erneut gelingen, dem alten Stoff
neue Bilder und neue Geschichten zu entlocken und sein altes Publikum
auch diesmal in seinen Bann zu ziehen? Ein Wagnis war dieses Gastspiel
des Cottbuser Staatstheaters allemal. Wer gegen einen Mythos
anzuspielen versucht, hat eigentlich schon verloren. |
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