EGMONT von Johann Wolfgang Goethe - Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen
Regie: Bernd Mottl Rolle: Richard
Inhalt:
An und für sich läuft alles gut in den Niederlanden, Egmonts Heimat. Margarete von Parma, von der Spanischen Krone eingesetzt, ist eine umgängliche Landesmutter. Unter ihr heißt es „leben und leben lassen“. Der Status quo ist für Egmont, Wilhelm von Oranien, die anderen Fürsten und die Bürger gesichert. Diese schätzen Egmont sehr, „weil man ihm ansieht, dass er uns wohlwill, weil ihm die Fröhlichkeit, das freie Leben, die gute Meinung aus den Augen sieht“. Als der Mob in der Provinz für Unruhe sorgt, tritt in Brüssel der strenge Herzog Alba an die Stelle von Margarete. Er sieht in Egmont und Oranien die Spitze einer aufkeimenden Opposition und will an ihnen ein Exempel statuieren. Im Land soll wieder Ordnung herrschen. Das sympathische Chaos, in persona Egmont, muss verschwinden. Egmont unterschätzt Alba, der ihn verhaften und zum Tode verurteilen lässt. Es regt sich kein Widerstand bei den Bürgern, die ihren Egmont vorher noch so sehr verehrten. In dem neuen Geist, der mit Alba einzieht, sehen sie eine Chance zu Aufbruch und Veränderung.
Egmont, an dem Goethe mit Unterbrechungen von 1775 bis 1788 schrieb, ist ein Stück, in das die politischen Erfahrungen Goethes einfließen. Zum einen zeigt es deutlich die Wankelmütigkeit des Volkes, zum anderen aber auch die Kräfte, die auf persönlicher Ebene ganze Landesgeschicke formen können – sei es die Rivalität zwischen Alba und Egmont oder die Freundschaft zwischen Egmont und Oranien. Dabei ist gut zu beobachten, wie das Persönliche und das Politische nicht voneinander zu trennen sind.
[Quelle: www.staatstheater-cottbus.de]

Premiere: Samstag, 11. September 2010

KRITIK:
Lausitzer Rundschau vom 13.09.2010 - Hartmut Krug
Märkische Allgemeine vom 14.09.2010 - Martin Stefke

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BERICHT:
L-TV und RBB

Nächste Vorstellungen:

15.01.2012, Sonntag, 16:00 Uhr

11.02.2012, Samstag, 19:30 Uhr

01.03.2012, Donnerstag, 19:30 Uhr

25.03.2012, Sonntag, 19:00 Uhr

Regie: Bernd Mottl
Bühne: Thomas Gabriel
Kostüme: Nicole von Graevenitz
Klanggestaltung: Christoph Kalkowski
Dramaturgie: Guido Neubert
Regieassistenz: Anniki Nugis

Margarete von Parma: Johanna Emil Fülle
Graf Egmont: Amadeus Gollner
Wilhelm von Oranien: Gunnar Golkowski
Herzog von Alba: Kai Börner
Ferdinand: Christian Meier
Machiavell: Berndt Stichler
Richard: Oliver Seidel
Klärchen: Kathrin Victoria Panzer
Klärchens Mutter: Susanne Szell
Brackenburg: Roland Schroll
Soest, Krämer: Oliver Seidel
Jetter, Schneiderin: Susanne Szell
Zimmermann: Berndt Stichler
Buyck: Gunnar Golkowski
Ruysum: Christian Meier
Vansen: Thomas Harms

KRITIK: Lausitzer Rundschau vom 13.09.2010 - Hartmut Krug

Der Statthalter von Flandern als Popstar
Goethes Trauerspiel um den niederländischen Grafen Egmont, Statthalter von Flandern, der zwischen unterdrückerischer spanischer Krone und den bilderstürmerisch gewalttätig aufbegehrenden protestantischen Niederländern einen loyalen Ausgleich zu finden sucht, gelangt nur äußerst selten auf die Bühne. Am Samstag hatte es am Staatstheater Cottbus Premiere.

Begonnen als historisches Trauerspiel, beendet als Ideendrama mit Egmont als einem laut Schiller „fröhlichen Weltkind“, zeigt es das tödliche Scheitern seines Helden im politischen Machtkampf. Goethes wortgewaltiges, bedächtig-umständliches und zugleich hochfahrendes Stück hat Bernd Mottl in aggressiv aktualisierender Bearbeitung auf die Cottbusser Bühne gebracht.
Auf der Vorbühne spielen zwei Jungen ein Würfelspiel. Strahlend weiß gekleidet, mit poppiger Sonnenbrille der siegreiche, in Schwarz der unterlegene. Die beiden Kinder geistern auch später durch das Stück, denn sie sollen uns das Handeln der erwachsenen gegenspielerischen Protagonisten des Stücks erklären: Herzog von Alba, der die aufbegehrenden Niederländer mit Gewalt niederdrückt und Egmont verhaften und hinrichten lässt, tut dies aus einem Neid- und Minderwertigkeitsgefühl, das noch aus ihren Kindertagen herrührt. Bernd Mottls Inszenierung setzt insgesamt vor allem auf Eindeutigkeit. Sein Egmont hüpft wie ein überzeichneter und überdrehter Popstar ganz in Weiß aus dem Zuschauerraum auf die Bühne: Über der Fantasieuniform ein ballonartig aufgeplustertes Hosenröckchen und das Goldene Vlies als fette Goldkette prahlerisch und malerisch um den Hals gehängt. Die Inszenierung will diesen in seine politische Rolle hineingeborenen Grafen Egmont als Gegenmodell zu all den rationalen Denkern und Taktikern gesehen wissen, die sich hier vor dem oder für und gegen das Volk abmühen.

Also die alte Frage stellen: Welche Art Politiker brauchen oder wollen wir?

Ein schriller Egomane

Wo Ulrich Mühe 1986 am Deutschen Theater einen zwischen eigener Lebenslust und politischen Anforderungen zerrissenen Menschen spielte, der bedauert, „ich soll leben, wie ich nicht leben mag“ und sich gegenüber seiner Geliebten Klärchen als zwei Egmonts erklärt, da besitzt der Cottbusser Egmont nur ein Gesicht und eine Haltung, die einer egomanisch schrillen Pop-Figur.

Amadeus Gollner spielt sie mit körperlich staunenswerter Beweglichkeit bis in die (unfreiwillige?) Nähe der Karikatur. Dieser Egmont soll für die biederen Bürger, die nach ihrem Preisschießen in politische Händel geraten, ein Hoffnungsträger sein? Noch schwerer zu glauben sind seine Leidenschaft für die Wünsche des Volkes und seine Liebe zur Bürgerstochter Klärchen. Denn dieser Egmont ist vor allem eine inszenatorische Behauptungsfigur ohne wahres inneres Leben, die vor allem posiert, vor den anderen und vor sich selbst.

Ich gebe zu, es macht dennoch Spaß, dem körperlich virtuosen Gollner zuzuschauen, wie er durch die Handlung turnt, wie er seinen Egmont vom Joggen kommen lässt und, während sein Sekretär ihm den Schreibkram vorlegt, die unterschiedlichsten gymnastischen Übungen macht. Die Bühne ist von Bühnenbildner Thomas Gabriel völlig mit übereinander getürmten und gehängten Küchenstühlen und –tischen voll gestellt worden. Diese wandelbare Bühne ist ein anspielungsreiches Symbol von ästhetischer Kraft, während die filmische Musik von Christoph Kalkowskis nur die Haltungen und Emotionen der Figuren atmosphärisch unterstreicht.

Doch die Inszenierung fügt all ihre unterschiedlichen Mittel äußerst wirkungssicher zusammen, rund um Figuren, die allesamt mit eindeutigen Haltungen ausgestattet sind.

Schauspielerisch leicht und ansehnlich, wie Johanna Emil Fülle als Regentin der Niederlande sich in realistischer Resignation einrichtet und mit dem Rollkoffer abreist. Etwas zu brav, wie Kai Börner den „bösen“ Herzog von Alba seine Machtposition vertreten lässt und zu klischeehaft, wie Susanne Szell Klärchens Mutter als Kleinbürgerin im offenen Morgenmantel spielt, während Gunnar Golkowski, Berndt Stichler, Roland Schroll, Thomas Harms, Christian Meier und Oliver Seidel mit ihren Figuren unterschiedliche, aber in sich jeweils eindeutige Haltungsfacetten von Adel und Bürgertum zeichnen.

Die Liebesgeschichte zwischen Egmont und Klärchen ist idealtypisch verknappt, doch wenn Kathrin Victoria Panzers Klärchen ein Protestplakat aufspannt, zur Befreiung ihres von Alba eingekerkerten und zum Tode verurteilten Geliebten aufruft, dann kommt die Inszenierung aus ihrem konzeptionellen Takt. Weil die Schauspielerin Gefühle plötzlich allzu derb direkt auszustellen sucht, und weil die Selbstmordszenen mit einem Benzinkanister als Giftfläschchen, das für sie und den sie liebenden Brackenburg reichen soll, eher albern wirken.

Kräftig gekürzt

Insgesamt ist das Stück nicht nur kräftig, sondern auch klug gekürzt worden, doch die Überzeichnung des Egmont entwertet seinen Konflikt mit dem Herzog von Alba, der auf Unterdrückung und Gewalt setzt, wo Egmont naiv an Verständigung glaubt. Natürlich fehlt die Schlussallegorie, in der Egmont vor seiner Hinrichtung die Freiheit mit Clärchens Zügen erscheint. In Cottbus wird Egmont einfach ins Dunkle gedreht, und die Bürger kommen ins Licht, ihre Gewehre gegen das Publikum richtend und Sicherheit und Ordnung, Ruhe und Freiheit fordernd.

Der Regieeinfall, dann Albas rothaarigen Sohn Ferdinand, der zwischen Pflicht und Bewunderung Egmonts zerrissen ist, mit umgeschnalltem Sprengstoffgürtel als eine Art verzweifeltem Selbstmordattentäter zwischen sie zu setzen, gehört zu den weniger gelungenen Regieeinfällen. Einer Inszenierung, die mit szenischem Einfallsreichtum und interpretatorischem (Vor)Witz ein aktuelles Konzept für Goethes zu Recht selten gespieltes Stück zu entwerfen sucht. Auch wenn das nicht immer überzeugt, meinen Respekt besitzt die unterhaltsame Inszenierung.
Von Hartmut Krug

BERICHT: L-TV + RBB

KRITIK: Märkische Allgemeine vom 14.09.2010 - Martin Stefke

BÜHNE: Gefälliger Wahnsinn
Bernd Mottl inszeniert Goethes „Egmont“ am Cottbusser Staatstheater als flotten Historienstreifen
COTTBUS - „Egmont“ als Schnelldurchlauf, als Feuerwerk – die Premiere des Stückes von Johann Wolfgang von Goethe ging rasant, effektvoll, manchmal lärmig und grell-plakativ über die Bühne des Staatstheaters Cottbus.

„Gefälliger Wahnsinn“, kommentiert Graf Egmont (Amadeus Gollner) das Geschehen kurz vor Ende des Stückes. Er meint das, was Egmonts Widersacher Herzog von Alba (Kai Börner) mit ihm veranstaltet hat. Denn Egmont sitzt zu diesem Zeitpunkt in Albas Gefängnis – fast nackt. Nur eine knappe Unterhose hat sein Häscher ihm, dem Liebling der niederländischen Bürgerschaft, der so viel Wert auf schöne Kleider legt, noch gelassen. Alles andere als ein Spaß. Und auch kein Schachzug, um die rebellische Bevölkerung der von den Spaniern okkupierten Provinz niederzuhalten. Es zielt direkt auf seine Person. Ihn will Alba aus dem Weg räumen. Endlich! Schon als Kind hat Egmont Alba deklassiert. Beim Spielen.

Regisseur Bernd Mottl zeigt das den Zuschauern schon vor Beginn der Inszenierung. Zwei Knaben sitzen auf der Bühne. Sie würfeln. Stets gewinnt der kleine Egmont. Schon immer war er obenauf. Doch jetzt wird er nicht mehr höher steigen. „Gefälliger Wahnsinn“, sagt Egmont, als er das begreift.

Der Kommentar könnte auch die Inszenierung meinen. Denn obwohl an ihr vieles schlüssig ist, presst Bernd Mottl Goethe stellenweise doch sehr ins Regiekonzept.

Die Figuren lässt er in starren Haltungen ausstellen. Johanna Emil Fülles Margarete von Parma zieht als genervte First Lady einen Rollkoffer hinter sich her. Christian Meiers Ferdinand ist ein verklemmtes Jüngelchen, das seine homosexuelle Neigung wohl selbst noch nicht erkannt hat. Entwicklung findet in diesen Figuren kaum statt. Einfühlung auch nicht. Und so wackelt die Geschichte manchmal.

Mit dem Kinderspiel verkleinert Mottl zudem den Hauptkonflikt, auch wenn er den Bezug zur Gegenwart durch Bombengürtel, Kampfanzug, und Benzinkanister (Kostüme: Nicole von Graevenitz) zu bebildern sucht. Auch der Tag der Premiere, der 11. September, der Jahrestag des Attentats auf das World Trade Center in New York, dürfte kein Zufall sein. Mottl scheint wohl zu meinen: Wer ein

Volk unterdrückt, muss sich nicht wundern, dass es zu einem Volk von Terroristen wird.

Dennoch ist dieser „Egmont“ eine konzentrierte, ja kunstvolle Aufführung, verdichtet und geschnitten wie ein Film. Thomas Gabriel gelingt mit seiner Bühne aus Tischen und Stühlen, die im tiefen Schwarz des Theaterrunds zu Symbolen der Ordnung und der Macht aufsteigen, ein Meisterstück.

Und Egmont? Der ist ein Popstar, trägt Pumphosen und goldene Leggins, lässt sich vom Publikum und den Bürgern feiern und macht, wenn sein Schreiber (genervt von der Oberflächlichkeit des Chefs: Oliver Seidel) mit ihm arbeiten will, auf dem Schreibtisch Beugestütze. Er fühlt sich verdammt sicher. Kein Wunder, dass er vor Alba und dessen anrückenden Truppen nicht flieht.

 

umweltzeichen der blaue engel, weil energiesparend

© 2008 by Oliver Seidel