DANTON # Büchner Regie: Ingo Putz Rolle: Robespierre


Premiere: Samstag, 21. Februar 2009

Nächste Vorstellungen:

31.03.2012, Samstag, 19:30 Uhr

25.04.2012, Mittwoch, 19:30 Uhr

06.05.2012, Sonntag, 19:00 Uhr


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Inhalt:
Wir suchen neue Sichtweisen auf bekannte Werke. Die Regisseure oder Choreographen zeigen ihre mutigen Interpretationen, reduzieren Handlung und Figuren aufs Wesentliche, arbeiten mit knappem Budget, aber mit viel Einfallsreichtum – wollen neugierig machen auf die alten Klassiker ...

Wie ein gesellschaftlicher Traum zum Alptraum werden kann, zeigt sich deutlich in „Dantons Tod“ von Georg Büchner. Kaum ein historisches Ereignis war mit so vielen Erwartungen verbunden und wurde mit soviel Enttäuschungen und Blut begleitet wie die französische Revolution von 1789. Büchners Stück versucht, einen Blick hinter die Kulissen fünf Jahre später und in die dort stattfindenden Machtkämpfe der Revolutionsführer zu werfen. Während Danton die revolutionären Ziele erreicht sieht und für eine Stabilisierung der Situation eintritt, geißelt der Asket Robespierre Dantons sinnliches und frohes Leben als „konterrevolutionär“. Danton wähnt sich ob seiner Verdienste und Anerkennung sicher. Doch da hat er sich verschätzt. Robespierre lässt ihn und seine Freunde verhaften und vor Gericht stellen. Und nun beginnt ein Kampf um Leben und Tod.
Ein berührendes und in seiner Konsequenz aufrüttelndes Stück, das zwar in seiner Entstehungszeit ein Reflex auf Büchners 1834 gegründete „Gesellschaft für Menschenrechte“ und den damit verbundenen Aufruf zum Kampf gegen die großherzogliche Unterdrückung der hessischen Bauern war, aber heute nichts von seiner Aktualität verloren hat.

Mit DANTON # BÜCHNER eröffnen wir unsere Kammerbühnen-Reihe "DIE JUNGEN WILDEN. Klassiker auf den Kopf gehauen!" Regisseur Ingo Putz zeigt eine heutige Sicht auf den spannenden Machtkampf zweier Menschen, die einmal den gleichen Traum hatten.
 [Quelle: www.staatstheater-cottbus.de]

->Über den Regisseur

Songtexte zum Nachlesen
:
-> "Land of Confusion" by Genesis
-> "Working Class Hero" by John Lennon
KRITIK: Pforzheimer Zeitung vom 27.01.2010 - Thomas Weiss

Die Revolution frisst ihre Kinder

PFORZHEIM. Danton kocht. Genüsslich bereitet er das Hähnchen für Frau Julie und Freund Camille zu. Man lacht, scherzt und flirtet zu Puccini-Klängen im „Promi-Diner“-Stil. Der Genuss steht im Vordergrund, alle Vorahnungen ob der Gefährdung durch den blutigen Tugend-Messias Robespierre werden weggelacht, verdrängt. Regisseur Ingo Putz, der in Pforzheim zuletzt „Ich, Heinz Erhardt“ auf die Bühne gebracht hat, zeichnet für die Inszenierung von Büchners „Dantons Tod“ verantwortlich, die unter dem Titel „Danton#Büchner“ gestern als Austauschgastspiel vom Staatstheater Cottbus in die Goldstadt kam.

Auf fünf Darsteller reduziert

Personenreduziert, wird das Geschehen um George Danton und seine Freunde, die zum Opfer des revolutionären Terrors von Robespierre werden, sehr bemüht an die Gegenwart herangeholt.

Robespierre präsentiert sich, begleitet von einem Applaus-Girl (Kathrin Victoria Panzer, die auch den als blutigen Clown geschminkten St. Just prononciert spielt) als unsäglicher Moderator auf Nachmittags-TV-Niveau, der Genesis’ „Land of Confusion“ anstimmt: Oliver Seidl gewinnt immer dann an darstellerischen Konturen, wenn er hinter der gelackten Entertainer-Maske die Ängste des blutbesudelten Robespierre aufscheinen lässt. Er nutzt die hedonistische Lebensweise von Danton und seiner Anhänger als Waffe, um die Stimmung gegen sie aufzuheizen und sie auf die Guillotine zu schicken. Michael Becker als Danton ist ein Meister der Verdrängung, der sich lieber am nackten Leib seiner Frau Julie, in deren Rolle auch die der Grisette Marion eingeflossen ist, vergnügt, denn sich der politischen Realität zu stellen.

Tagespolitische Anspielungen

Becker, der seine Rolle mit einigen tagespolitischen Anspielungen zur Zerstörung des Gaza-Streifens oder zu Papst Benedikt XVI. aufpeppt, lässt hinter der Fassade des ermatteten Revolutionärs auch die Erkenntnis der eignen Blutschuld aufscheinen.

Piepsstimmig gibt Anja Jacobsen Julie als erotisch präsente Frau, die ihrem Mann in den Tod folgt, während Kai Börner als Camille, dem die Inszenierung eine Beziehung mit der Frau seines Freundes unterstellt, seine Todesfurcht plakativ ausstellt. Zu den gelungeneren Gags der Aufführung gehört das als Video zugespielte Puppenspiel, bei dem das Hühnchen und die Kochzutaten von Danton ein witziges Eigenleben entwickeln.

 

KRITIK: Märkische Allgemeine vom 23.02.2009 - Martin Stefke
Die Klassiker können das vertragen


Das Schauspiel des Staatstheater Cottbus bietet zwei zeitgenössische Interpretationen von Lessings „Minna“ und Büchners „Danton“
COTTBUS - Hauen sie nun die Klassiker oder stellen sie deren Stücke nur auf den Kopf? So ganz klar war das nicht vor diesen Cottbuser Premieren, obwohl die neue Reihe doch „Die Jungen Wilden. Klassiker auf den Kopf gehauen“ heißt. Entschuldigen sich die Bühnen neuerdings schon, wenn sie zeitgemäßes Regietheater anbieten?

Doch wichtig war am Ende nur eines: Das Schauspiel in der Kammerbühne des Staatstheaters macht ordentlich Lust auf Theater. Und auf Klassiker, denn auch die müssen keineswegs trocken und langatmig sein. Zumindest vor der Pause war das am Sonnabend auch so. Einer überaus dichten, gut anderthalbstündigen „Minna“ folgte jedoch ein durchaus zwiespältiger „Danton“. Es gab Lessing und Büchner im Doppelpack. Wer Minnas beherztes Werben um einen entlassenen Major in vollen Zügen genoss, tat gut daran, in der Pause zu gehen. Denn Teil zwei des Abends, das grausame Ende eines Revolutionärs, der von seinen Mitstreitern umgebracht wird, blieb hinter Teil eins deutlich zurück.

Furios ist immerhin der Beginn: Regisseur Ingo Putz zeigt die Revolution als große Show, als TV- und Wahlkampf-Event. „Kandidat“ Robespierre (Oliver Seidel) wird wie ein Popstar inszeniert, während Danton (Michael Becker) auf der an ein Studio erinnernden Bühne von Mathias Rümmler im Kostüm von Mirjam Henriette Benkner zum plaudernden Fernsehkoch mutiert. Den Saal hat eine Assistentin (Kathrin Victoria Panzer auch als dünnhäutiger St. Just) zuvor kräftig auf ihren Favoriten eingeschworen: Auf Kommando applaudiert die Menge ausgesprochen eifrig für Robespierre. Auf Danton aber, so zwitscherte uns die revolutionäre Animateurin zu, sollten wir besser nicht hören. Das Stück heiße schließlich auch „Dantons Tod“ – Betonung auf dem letzten Wort.

Alles klar? – Leider ja. Dass Danton mit der Welt fertig ist, begreifen wir schnell. Ein wenig Suppe köcheln lassen – die ihm prompt versalzen wird – und am nackten Leib seiner Frau Julie lecken (in Anja Jacobsons Rolle sind alle Geliebten vereint) – das ist sein Bestreben. Ansonsten wünscht er Ruhe.

Schade, dass Jacobsens Julie zwar gänzlich nackt ist und aufdringlich nah an ihn – und uns – herankommt, aber kaum „ein ununterbrochenes Sehnen und Fassen, eine Glut, ein Strom“ anzudeuten vermag. Das wird auch nicht besser, als Danton ihr die Haut mit Marmelade und Schokocreme bestreicht und sein Gesicht darin vergräbt. Solche Einfälle verkleistern eher Büchners Text.

Die „Minna“ dagegen ist geradezu aus einem Guss. Auch wenn Regisseurin Angelika Zacek allzu deutlich macht, dass es in dieser Welt meistens nur um das liebe Geld geht – es regnet beständig Banknoten – sehen wir ein genaues und ungemein amüsantes Spiel. Einem grüblerisch-lottrigen Tellheim (Gunnar Golkowski) und dessen Wachtmeister (Roland Schroll gibt zudem den äußerst schmierigen Wirt) ist das zu danken, vor allem jedoch Susann Thiede und Johanna Emil Fülle in den Frauenrollen. Ja, diese sächsischen Mädchen! Wie überlegt Susann Thiede ihre Minna mit Eigen- und Hintersinn, mit Selbstbewusstsein und viel Ironie ausstattet, dazu mit der hinreißend stürmischen, sich manchmal naiv gebenden aber doch schelmisch-schlauen Franziska ein unschlagbares Doppel bildet, lässt Lessings Lustspiel zum Kabinettstück werden. Klar, dass die beiden „Frauenzimmer“ gemeinsam des Majors altmodisches An-die-Ehre-Denken niederringen. Was dann auch keineswegs den guten alten Lessing auf den Kopf stellt oder gar haut.


KRITIK: Lausitzer Rundschau vom 23.02.2009 - Gabriele Gorgas

„Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?“
„Neue Ideen braucht das Land“, und ganz sicher auch das Staatstheater Cottbus. Und es bedarf der „Jungen Wilden“, gekoppelt an die aufreißerisch-brachiale Gebrauchsanweisung „Klassiker auf den Kopf gehauen!“. Wie will man nur mit einem so durchweg bescheidenen Slogan denkendes Publikum gewinnen? Wie kann man glauben, dass es die großen Stücke der Vergangenheit nötig haben, jugendlich-dynamisch aufgefrischt, gar „auf den Kopf gehauen“ zu werden?“

Glücklicherweise ist die neue Vorstellungsreihe, die am Wochenende mit „Minna # Lessing“ sowie „Danton # Büchner“ in der Kammerbühne startete, nicht gar so derb und fantasielos in Szene gesetzt worden, wie sie in der Ankündigung benannt ist. Obwohl es auch kein – zumindest im konkreten Falle – gar zu genialer Einfall scheint, das Ganze ab und an wie bei der Premiere im Doppelpack aufführen zu wollen. Die im Text zusammengestauchten Stücke verlieren an Substanz. Streichungen sind zwar zuweilen unvermeidbar, aber bei Lessing sollte man sich das gut überlegen. Sonst mangelt es den frisch und frei gehandhabten Kompositionen an Konsistenz, und wer mag sich schon ein zusammengefallenes Soufflé anschauen?
Dennoch wäre es ungerecht, Lessings „Minna von Barnhelm“ in der Inszenierung von Angelika Zacek bedenkenlos „in die Pfanne zu hauen“. Speziell die Art der Regisseurin, wie sie die Geschichte bewegt erzählt, auf Körpersprache achtet, schlüssige Bilder findet, lässt Langeweile gar nicht erst aufkommen.

Und da steckt man auch halbwegs weg, dass dem Stück einige gedankliche Facetten abhanden gekommen sind. Besonders die konsequent durchgehaltene Idee des Geldregens in diversen Abstufungen (Bühne und Videos: Mathias Rümmler) nutzt sich auf Dauer ab, ist als ständiger „Bühnenkommentar“ eher lästig denn hilfreich. Zumal da dramaturgisch im Kontext einiges durcheinander purzelt, während beispielsweise in der genauen Arbeit mit den Darstellern deutlich mehr möglich gewesen wäre.

Johanna Emil Fülle in der Rolle der Franziska und Roland Schroll als Paul Werner sowie als alle überwachender, virtuell anwesender Wirt lassen kaum etwas zu wünschen übrig – sie jonglieren gekonnt mit dem Soufflé, bringen es so herüber, dass auch Ungesagtes sichtbar wird. Problematisch ist eher, wie Angelika Zacek mit der so erfahrenen Schauspielerin Susann Thiede umgeht. Als Minna von Barnhelm scheint diese zu Beginn fast sich selbst überlassen, und es brauchte einige Zeit, bis sie all ihre Vorzüge ausspielen kann, Präsenz und Prägnanz bekommt, wie sie ihr auch zustehen und mit denen sie das Spiel letztlich lenkt und gewinnt. Gunnar Golkowski als Major von Tellheim spielt die Extreme seiner Befindlichkeiten glaubwürdig, doch es fehlen noch Differenzierungen. Vielleicht ein Defizit der Inszenierung? Andererseits vermag die junge Regisseurin mit etwas mehr Feinschliff, Tiefgang, auch Stringenz offenbar gutes Theater zu machen.

Bei „Dantons Tod“ von Georg Büchner ist mit Ingo Putz ein junger Regisseur am Werke, der seine Theaterwurzeln in Oldenburg hat. Er entwirft – wiederum ist Mathias Rümmler zuständig für Bühne und Videos sowie Mirjam Henriette Benkner für die Kostüme – eine auf fünf Darsteller beschränkte, mit wenigen Mitteln veränderbare Szenerie, die sich am TV-vertrauten Bild der Kochstudios orientiert und mit marktschreierischer Anmache die um ihre Macht Buhlenden auf den Laufsteg, zum Zuschauer-Volk schickt. Das ist mit einem makabren Suppenobjektspiel per Video gekontert, passend zum Rezept vom „Hähnchen aus dem Topf“.

Offenbar hat sich Ingo Putz in seiner Erzählweise auch von Büchners Briefzeile vom März 1834 an seine Braut anregen lassen, wo dieser vom „Gräßlichen Fatalismus der Geschichte“ spricht: „Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel. . .“ Die historischen Konfrontationen im Stück sind weitgehend reduziert auf Haltungen und Positionen speziell von Danton (Michael Becker) und Robespierre (Oliver Seidel), und von den vielen Frauen um Danton bleibt seine Gattin Julie (Anja Jacobsen) übrig, die sich in nackter Offenbarung dem Genussmenschen hingibt.

Der Regisseur haut, was sein Name verspricht, ganz gewaltig auf den Putz, und manchmal, wenn man es in aller Nacktheit, Direktheit kaum noch aushält, sich Vordergründiges mit Naivem mischt, dann bricht er das Chaos überraschend auch wieder. Mit dem gelassenen, menschlichen Ton, in dem Michael Becker seinen Danton, der das Morden satt hat, über das Dasein – damals wie heute – philosophieren lässt. Oder mit Büchners Worten klagt: „Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?“ Gerade noch rechtzeitig kriegt Ingo Putz immer wieder die Kurve, setzt Akzente mit Gedanken, die nah an uns heranrücken, probiert Spielweisen aus. Da bleibt auch was, selbst, wenn die Geschichte ausgedünnt ist, wird ab und an ein Achtungszeichen gesetzt.

Schwachstelle ist erneut zu wenig Differenziertheit im Schauspielerischen, und Michael Becker scheint da fast ein Selbstläufer zu sein. Doch Zulassen ist auch eine Regiequalität. Und erfreulich ebenso, dass wir „Die Jungen“ erleben, wie wild sie auch immer sein mögen.
Von Gabriele Gorgas 

KRITIK:
umweltzeichen der blaue engel, weil energiesparend

© 2008 by Oliver Seidel